AZ-Forum Medizin: Wenn uns die Luft ausgeht, wird es gefährlich

Von: Sabine Rother
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Freies Atmen bedeutet Lebensqualität, doch sie wird von Erkrankungen der Lunge bedroht: „Probleme mit der Lunge“ lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinik Aachen am Dienstag, 30. August, im Klinikum. Foto: Imago/Westend61

Aachen. Wer versucht, die Luft möglichst lange anzuhalten, stößt rasch an seine Grenzen: In solch einem Moment steigt der Kohlendioxidgehalt im Blut, überschreitet er einen Grenzwert, müssen wir nach Luft schnappen – unweigerlich.

Das Gehirn koordiniert unsere Atmung und damit die Versorgung aller Organe mit Sauerstoff sowie die Entsorgung des Kohlendioxids – dieser Gasaustausch findet in der Lunge statt.

Sie bildet das Zentrum eines hochkomplexen Systems, das unter anderem dafür sorgt, dass das Herz zuverlässig arbeitet. Und wenn dieses System gestört ist? „Probleme mit der Lunge“ lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinik Aachen am Dienstag, 30. August, im Uniklinikum Aachen.

Ab 15 Uhr erfahren die Besucher bei unserem Mitmach-Programm „Rat & Hilfe“ im Seminarraum (Nähe Hörsaal, ausgeschildert), was sie selbst – im Krankheitsfall oder vorbeugend – tun können, um die Lunge zu stärken (Programm siehe unten).

Atem und Seele

Um 18 Uhr (Einlass ab 17 Uhr) beginnt im Hörsaal 4 die Expertenrunde zu neuesten Erkenntnissen der Lungenheilkunde. Die Zuschauer dürfen ihnen zudem Fragen stellen.

Die Lunge ist als Organ gut „vernetzt“. „Wer gesund ist, nimmt kaum wahr, dass er zehn bis 15 Atemzüge in der Minute tut und dabei einen halben Liter Luft bewegt – bei intensiver Atmung, etwa im Sport, sogar rund zweieinhalb Liter“, erläutert Johannes Warzelhan. „Spruchweisheiten wie das ,Aufatmen‘, wenn man erleichtert ist, oder das Gefühl, etwas ,nimmt uns die Luft‘ zeigen, wie sehr die Atmung unser Lebensgefühl bestimmt.“ Beeinträchtigungen bedeuten auf Dauer durchaus Lebensgefahr.

„Wir sollten die Atmung nicht nur als physiologischen Prozess sehen, es ist gleichzeitig ein mentaler Prozess, der das psychische Wohlbefinden bestimmt“, schöpft Sergey Dockter aus Erkenntnissen der Traditionellen Chinesischen Medizin. Dort weiß man, wie heftig sich seelische Spannungszustände auf den Organismus auswirken. Dockter: „Ist das Atmen durch eine Erkrankung behindert, empfindet der Mensch Beklemmung und Angst.“

Größe eines Tennisplatzes

Die Lunge ist der natürliche Partner des Bronchialapparates, bei dem die feinsten Verästelungen – die Bronchiolen – in ihrer Bauart den feingliedrigen Blutgefäßen der Lunge entsprechen. Bronchiolen münden in Lungenbläschen (Alveolen), die ein Blutkapillarnetz umschließt. In ihnen findet der Gasaustausch statt: Die Verästelungen der Kapillaren sorgen für eine extrem große Fläche. Zum Vergleich: Die Oberfläche sämtlicher (bis 750 Millionen) Alveolen entspricht der Größe eines Tennisplatzes. Auf jede Alveole kommen 1000 Kapillaren. Störungen (oder Zerstörungen) bringen die Versorgung ins Wanken. So gehen bei chronischen Entzündungsprozesse vielfach Lungenbläschen unter.

Die Folge ist eine Verengung der Atemwege – zum Beispiel bei COPD. Die Abkürzung stammt aus dem englischen Begriff für die Erkrankung „Chronic Obstructive Pulmanary Disease“. „Das ist inzwischen weltweit die vierthäufigste zum Tode führende Erkrankung“, betont Michael Dreher. „Der Auslöser ist häufig langjähriger Nikotinkonsum.“ Rund sechs Millionen Menschen sind in Deutschland von COPD betroffen. Die Zahlen steigen. Zur COPD gehören die Chronische Bronchitis und das Lungenemphysem, eine Überblähung der Lunge, bei der Lungengewebe geschädigt wird. Erkrankte leiden unter Atemnot, die zunimmt.

Die Leistungsfähigkeit nimmt dagegen ab, wenn das Atmen und damit der Gasaustausch nicht mehr zuverlässig stattfindet, denn die Lunge ist „überfüllt“. Quälender Husten und Auswurf sind Symptome, die die Erkrankung begleiten. Betroffene erfahren durch Cortison, das inhaliert wird, noch Erleichterung, weil der Wirkstoff die Schwere und Häufigkeit akuter Schübe vermindert.

Operativ wird jenen in spezialisierten Zentren Hilfe angeboten, bei denen die Krankheit weit fortgeschritten ist. Ist die Lunge durch das Aufblähen blockiert, leidet ihre Elastizität. Verliert das „Netz“ des natürlichen Stützapparates seine Funktion, kommt es zum Kollaps. Im schlimmsten Fall erschlafft ein Lungenlappen. Deshalb konstruieren Experten die „interventionell-bronchologische Lungenvolumen-Reduktion“ eine Art „Korsett“, das den auf Dauer betroffenen Lungenteil aufbaut. Es gibt zudem bronchoskopisch eingesetzte Lungenventile. Bei schwerer COPD mit Emphysem gilt so ein Eingriff als letzte mögliche Hilfe.

Der Weg zu Erkrankungen der Lunge kann im Kindesalter beginnen, denn vor dem Rauchen liegen bereits andere Störungen, die auf die Lunge einwirken, zum Beispiel Allergien. „Häufig ist Asthma die Ursache“, sagt Dreher. „Chronisches Asthma führt zu wiederholten Entzündungsprozessen im Atemsystem. Das muss früh behandelt werden.“

Gleichfalls die Lebensumgebung spielt eine wichtige Rolle für das Atemsystem. „Die Umweltverschmutzung setzt unseren Atemwegen tatsächlich sehr zu“, weiß Thomas Kraus. Die Staublungen der Bergleute oder Schädigungen durch Asbest und Lacke, die bei der Arbeit eingeatmet wurden, sind vielen ein Begriff. Doch eine Gefährdung beginnt bereits in der Nähe eines Feinstaub abgebenden Druckers, im Straßenverkehr und bei steigenden Ozonwerten in der Atemluft, wie Kraus betont.

Krebserkrankungen der Lunge (Bronchialkarzinom) entwickeln sich aus entarteten Zellen in Bronchien oder Bronchiolen. Lungenkrebs gehört zu den häufigsten Tumoren des Menschen. Zudem finden sich in der Lunge, die im Körper schließlich eine Filterfunktion erfüllt, häufig Metastasen anderer Krebsformen. „Der Lungenkrebs ist ein aggressiver Tumor“, erklärt Andreas Gröschel. „In einigen Fällen gibt allerdings personenbezogene, erfolgreiche Therapien.“

Kommt es zur Operation, ist der Chirurg im Einsatz. „Es ist viel Diagnostik dabei, etwa die Entnahme von Gewebe“, sagt Jan Spillner. Der Lungenteil, der operiert werden muss, wird stillgelegt. In frühen Erkrankungsstadien lassen sich ein befallener Lungenlappen und die damit in Verbindung stehenden Lymphknoten entfernen. Überschreitet ein Tumor die Grenze zwischen zwei Lungenlappen, werden beide herausgenommen. Bei großen Tumoren kann es nötig sein, einen gesamten Lungenflügel zu entnehmen. „Unser Ziel ist es, organerhaltend zu operieren“, versichert Spillner.

Reha macht Sinn

Machen Rehabilitationsmaßnahmen bei einer Erkrankung des Bronchialapparates Sinn? „Auf jeden Fall“, betont Erik Skobel. „Der Bedarf ist groß. Vielfach tun sich jedoch die Kostenträger schwer, weil es sich um ein chronisches Leiden handelt.“

Ein speziell für Patienten mit Lungenleiden entwickeltes Sportprogramm ist wichtig. „Die Luftnot führt dazu, dass sich Betroffene weniger bewegen, die Kondition wird schlechter, es findet Muskelabbau statt“, sagt Skobel. „Manche Patienten müssen den Umgang mit Medikamenten lernen.“ Deshalb wird in einer Reha e körperliche Aktivität großgeschrieben. Und die Raucherentwöhnung? Skobel: „Vielen fehlt trotz Krankheit die Einsicht . . .“

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