Aachen/Roetgen - Der Tihange-GAU und die Frage: Was wird aus den Kindern?

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Der Tihange-GAU und die Frage: Was wird aus den Kindern?

Von: Andreas Gabbert und Stephan Mohne
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63 Kilometer von Aachen entfernt: Eine radioaktive Wolke aus dem AKW Tihange könnte schnell unsere Region erreichen. Foto: imago/Manngold
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Was passiert nach einem GAU in den Schulen? Andreas Prömpler aus Roetgen hat diese Frage vielen Behörden und Politikern gestellt. Eine befriedigende Antwort hat der Familienvater aber bislang nicht erhalten. Foto: Andreas Gabbert

Aachen/Roetgen. Das Szenario: Im Kernkraftwerk Tihange – Luftlinie 63 Kilometer von Aachen entfernt – kommt es an einem ganz normalen Vormittag in der Woche zur Kernschmelze oder gar zur Explosion. Eine radioaktive Wolke bewegt sich auf Aachen und Umgebung zu.

Im Falle einer Explosion kann sie in wenigen Stunden bei durchschnittlichem Südwestwind – der vorherrschenden Windrichtung – hier sein.

Fragen, die sich nicht wenige Eltern stellen: Was passiert in diesen Stunden in den Schulen? Welche Maßnahmen werden getroffen? Wer informiert wen? Gibt es einen Notfallplan? Bleiben die Kinder dann in den Schulen oder werden sie nach Hause geschickt? Wie kommen sie dann nach Hause? Möchte man die Kinder in diese Situation entlassen? Was ist mit der Fürsorgepflicht? Und erhalten die Kinder in den Schulen zum Schutz vor radioaktivem Jod in der Wolke Jodtabletten, die, um ihre volle Wirkung entfalten zu können, kurz vor dem Eintreffen der Radioaktivität eingenommen werden müssen?

Das sind Fragen, die Andreas Prömpler aus Roetgen – und mit ihm viele Eltern – beschäftigen und die ihn nicht mehr ruhig schlafen lassen. Seine beiden zehn und zwölf Jahre alten Kinder besuchen eine Schule in Aachen, und der 45-Jährige hätte gerne eine Antwort auf diese Fragen. Seit Oktober 2016 hat er viele verschiedene Behörden und Politiker kontaktiert. Antworten hat er erhalten, aber keine aus seiner Sicht befriedigenden.

Im Oktober 2016 war er Gast beim Forum dieser Zeitung zum Thema Tihange. Schon damals war Prömpler mit den Antworten der anwesenden Politiker nicht zufrieden. Bei dieser Gelegenheit traf er auf Prof. Alfred Böcking vom IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges). „Wenn Sie Kinder haben, informieren Sie sich“, lautete dessen Rat. „Das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass die Situation viel ernster ist, als ich bisher dachte“, sagt der Familienvater.

Also sprach er zunächst die Schulleitung an, stellte Kontakte zwischen der Schule und Medizinern her und beteiligte sich an der Organisation von Arzt-Vorträgen an der Schule. „Es wurde Handlungsbedarf erkannt und ein Krisenteam beziehungsweise eine Arbeitsgruppe gegründet, die aus der Schulleitung, Elternvertretern und dem Sanitätsdienst der Schule bestand“, erläutert Prömpler.

Mit einem Krisenplan trat die Gruppe dann im Frühjahr 2017 an die Aachener Feuerwehr heran. Die verwies an die Katastrophenschutzbehörde in Simmerath und diese wiederum an die Aachener Feuerwehr. Doch die „Unteren Katastrophenschutzbehörden“ in den Kommunen haben bei entsprechenden Maßnahmen in Schulen nicht das Sagen. Da geht der Blick Richtung Bezirksregierung beziehungsweise NRW-Innenministerium.

„Übungen der Feuerwehr“

Prömpler suchte den Kontakt zu den Behörden. Er schrieb die Gemeinde Roetgen an, die Städteregion Aachen, den Katastrophenschutz und fragte nach den Notfallplänen. „Wenn es einen Plan gibt, dann hätte ich den gerne“, sagt Prömpler. Er erhielt zwar freundliche Antworten, es wurde viel Verständnis für seine Sorge geäußert, eine befriedigende Antwort erhielt er aber wieder nicht.

Die Städteregion schrieb am 9. Oktober 2017, dass es regelmäßige Übungen der Feuerwehr gebe, bei denen eine Freisetzung von Radionukliden berücksichtigt werde. Auch in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit seien „Kommunikations- und Entscheidungswege etabliert und geübt“.

Weiter hieß es: „In den Schulen in NRW existiert jeweils ein Notfallordner, der auch auf sogenannte CBRN-Lagen (chemische (C), biologische (B) sowie radiologische (R) und nukleare (N) Gefahren) eingeht und für diese Szenarien Handlungsanweisungen gibt.“ Im Falle einer bevorstehenden Freisetzung von Radionukliden würden die Einrichtungen rechtzeitig informiert und geschlossen, so dass nicht von einem Verbleib und damit von einer Betreuung von Kindern in den Schulen und Kindertagesstätten ausgegangen werde.

„Lehrkräfte nicht geeignet“

Nicht nur Prömpler treibt das um. Seit langem beschäftigen sich zum Beispiel Wilfried Duisberg und Odette Klepper mit dieser Thematik. Lange Jahre haben sie als Ärzte in Aachen praktiziert, lange Jahre sind sie auch schon bei IPPNW aktiv. Die beiden Mediziner halten auf Einladung ebenso sachlich und fachlich fundierte wie informative Vorträge an Schulen.

Dass sich viele Eltern in diesem Zusammenhang Sorgen machen, zeigte sich zuletzt beispielsweise bei einer entsprechenden Veranstaltung am privaten St.-Ursula-Gymnasium in Aachen, zu der rund 100 Eltern kamen. Für Duisberg ist es absolut unverständlich, dass sich, wenn es um Maßnahmen in Schulen geht, die Behörden völlig querstellen.

Dort gehe man davon aus, dass 21 Stunden zwischen einer Kernschmelze und der Ankunft der Wolke in Aachen Zeit blieben. Eine Explosion, die sofort Radioaktivität freisetze und nur wenige Stunden Zeit lasse, komme in den Gedanken auf höherer Behördenebene erst gar nicht vor.

Duisberg hat ebenfalls umfangreichen Schriftverkehr mit allen möglichen Stellen geführt. Zum Beispiel mit dem Schulministerium von Ministerin Yvonne Gebauer (FDP). Dort wird ein Beschluss der Kultusministerkonferenz zitiert, in dem es wörtlich heißt: „Der Schulausschuss hält [...] die Lehrkräfte als pädagogisches Personal für nicht geeignet, im Katastrophenfall Kaliumjodidtabletten an Schülerinnen und Schüler zu verabreichen und eine sachgemäße Begleitung der Bevorratung zu gewährleisten.“

Unabhängig von Behörden und Gesetzen könnte gleichwohl jede Schule die rezeptfreien Jodtabletten in der Apotheke kaufen und lagern. Und Lehrer könnten diese auch freiwillig verteilen. Allerdings kommt dazu aus dem Innenministerium der Einwand, dass die Eltern einer Verteilung zustimmen müssten.

Und Ministerpräsident Armin Laschet (CDU/Aachen) hat Duisberg im Oktober geschrieben, dass das Lehrpersonal nicht verpflichtet werden könne, Tabletten zu verteilen. In dem Brief, der unserer Zeitung vorliegt, heißt es wörtlich: „Ich halte es nicht für glücklich, wenn einzelne Schulen vor diesem Hintergrund auf freiwilliger Basis Vorkehrungen treffen.“

Laschet verweist auf das Bundesumweltministerium, das derzeit einen neuen „Bundesnotfallplan“ erstelle. Dem solle man nicht vorgreifen. Diesen Behördenhickhack halten die Mediziner angesichts der im Fall des Falles drohenden Gesundheitsrisiken – nach Tschernobyl explodierte in der Ukraine die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen insbesondere bei Kindern – für eine Unverschämtheit.

Beruhigend findet auch Familienvater Andreas Prömpler das nicht – vorsichtig formuliert. „Wenn die Kinder nach Hause geschickt werden, dürfte das in der Panik gefährlich sein, da der Verkehr höchstwahrscheinlich zusammenbrechen wird. Das widerspricht meinem Verständnis der Fürsorgepflicht“, sagt Prömpler. Den besagten Notfallordner hat er sich auch genauer angesehen. „Dieser deckt einen Unfall im AKW Tihange nicht ab. Dieser Notfallordner bezieht sich auf Amokläufe, Brände, chemische Unfälle und so weiter. Ich hatte das Gefühl, durchgereicht zu werden“, sagt Prömpler.

Von Hü nach Hott

Das Gefühl sollte sich noch verstärken. Auch Prömpler suchte den Kontakt zur Landesregierung. Das Schulamt der Städteregion hatte auf das NRW-Umweltministerium verwiesen. Das verwies an das Wirtschaftsministerium (!). „Eine Antwort steht noch aus“, sagt Prömpler.

Als nächstes kontaktierte er Laschet, den SPD-Landtagsabgeordneten Karl Schultheis, das Büro der Grünen in Aachen, Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Städteregionsrat Helmut Etschenberg (CDU) und den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Schulz und Schultheis antworteten laut Prömpler bisher nicht. Die Geschäftsführerin der Aachener Grünen meldete sich zurück und kündigte an, dass man sich mit dem Thema befassen werde. Für Etschenberg antwortete der Mitarbeiter, mit dem Prömpler bereits im Oktober Kontakt hatte. Die Antworten waren ähnlich.

Für Armin Laschet antwortete Heinz Kraks (Mitarbeiter des NRW-Innenministeriums). Auch von dort wieder die gebetsmühlenartige Aussage: Man gehe davon aus, dass in der Außenzone von Kernkraftwerken (Radius 100 Kilometer) im Ereignisfall ein Zeitrahmen von mindestens 21 Stunden für Schutzmaßnahmen bleibe. Inzwischen hat es ein persönliches Telefonat zwischen dem Familienvater und Kraks gegeben. „Er hat versucht, meine Bedenken zu zerstreuen und um Vertrauen gebeten“, sagt Prömpler.

Für Bundesumweltministerin Hendricks antwortete Wolfram Rother aus deren Fachabteilung. Er schrieb am 10. Januar: „Ich begrüße ehrenamtliches Engagement im Bevölkerungsschutz und bedauere, dass Ihre Bemühungen bisher nicht auf fruchtbaren Boden stoßen. Um einen guten und schnellen Schutz der Bevölkerung im Falle eines Ereignisses in einem Kernkraftwerk zu erreichen, halte ich allerdings ein einheitliches und abgestimmtes Vorgehen bei der Erstellung von lokalen Notfallplänen für sinnvoll und erforderlich. Die Koordinierung dieser Aufgabe obliegt den zuständigen Landesbehörden. Ihre zuständige oberste Landesbehörde ist das Ministerium für Inneres des Landes Nordrhein-Westfalen.“

Wo man auch hinschaut: Immer führt der Weg zu einem Verschiebebahnhof der angeblichen Zuständigkeiten. „Das läuft auf einen Streit der Behörden und Experten hinaus. Aber das darf nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Man ist offensichtlich nicht vorbereitet, und ich hätte gerne eine Lösung“, ärgert sich Prömpler.

Furcht vor Repressalien

Und auch an den Schulen selber herrscht bei diesem Thema Unsicherheit. So sagt beispielsweise Patrick Biemans, Schulleiter am St.-Ursula-Gymnasium in Aachen: „Einen umfassenden Notfallplan für die Schulen gibt es nicht. Und dem Vernehmen nach wird es ihn auch nicht geben. Das ist unbefriedigend.“ Wie er denken viele Schulleiter und Lehrer. Die meisten trauen sich nur nicht, öffentlich gegen die „Oberbehörden“ Stellung zu beziehen.

Aus Angst vor Repressalien. Als Beleg mag der Ausschnitt aus einem Schreiben aus Schulleiterkreisen an Wilfried Duisberg dienen, in dem es heißt: „Nach dem Ihnen bekannten Brief der Bezirksregierung können wir SchulleiterInnen jedoch kaum mehr aktiv werden, ohne Gefahr zu laufen, ordentlich abgestraft zu werden. [...] Wir sollten also einen anderen, für uns weniger heiklen Weg finden, um unsere Meinung zu Gehör zu bringen und die Fakten sprechen zu lassen.“

In der Tat: Eine Abstrafung von angeblich „nicht loyalen“ Schulbeamten hat es im Gegensatz zu einer koordinierten Katastrophenplanung für die Schulen schon gegeben.

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