Als Tourist in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in Slowenien

Von: Thomas Brey, dpa
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Slowenien
Eingerahmt von 2000er-Bergriesen wirkt der Ort ganz im Westen des EU-Landes Slowenien heute wildromantisch und ein wenig verschlafen. Foto: dpa

Kobarid. Eingerahmt von 2000er-Bergriesen wirkt der Ort ganz im Westen des EU-Landes Slowenien heute wildromantisch und ein wenig verschlafen. Der Wildwasserfluss Soca macht die landschaftliche Idylle und den touristischen Geheimtipp gleichermaßen komplett: Kobarid auf Slowenisch, Karfreit auf Deutsch und Caporetto auf Italienisch. Vor 100 Jahren verlief hier eine der blutigsten Fronten des Ersten Weltkriegs.

In zwölf Schlachten am Isonzo, dem italienischen Namen des Soca-Flusses, starben zwischen 300 000 und 400 000 Menschen. Hunderttausende Soldaten kämpften jahrelang im Hochgebirge, wo die Voraussetzungen für die Kriegsführung besonders schlecht sind. Nicht einmal ausreichend Wasser gab es. Angreifer waren seit 1915 die Italiener, Verteidiger Österreich-Ungarn und in der entscheidenden zwölften Schlacht die Deutschen. Es war ein „Abnutzungskrieg” ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer. Und dennoch blieben alle Angriffe ohne größere Geländegewinne.

Auf dem Bergrücken von Kolovrat oberhalb Kobarids kann man nachempfinden, was das bedeutete. Der Berg ist von Schützengräben durchzogen, die für Touristen wieder hergerichtet wurden. Es gibt Maschinengewehr- und Kanonenstellungen, Befehlshaberposten und Kavernen - große Felskammern, die als Rückzugsgebiet und Waffenversteck genutzt wurden. Von hier aus hat man einen unverstellten Blick auf das Soca-Tal und Teile der etwa 90 Kilometer langen Isonzo-Front.

Vor knapp 15 Jahren gründete Slowenien eine staatliche Stiftung, die einen „Weg des Friedens” entwickelte: Über 100 Kilometer führt er zu sechs Freilichtmuseen, zahlreichen Friedhöfen, Beinhäusern, Kirchen sowie historischen Gebäuden und Plätzen. Natürlich kann der Weg in einzelnen Etappen bewältigt werden. Gasthäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten und ausgezeichneter, moderner slowenischer Küche gibt es auf Schritt und Tritt.

Prachtstück des „Friedensweges” ist das neue Museum und das Besucherzentrum in Kobarid: Geschickt wecken die Ausstellungsmacher das Interesse der Besucher, indem sie das Schicksal der Beteiligten an den Isonzo-Tragödien in den Vordergrund stellen. Mit Fotos, historischen Exponaten und anhand von Modellen vermittelt das Museum das harte Leben der Zivilbevölkerung sowie die Leiden der Soldaten in den Schützengräben.

„Die zwölf Schlachten in dieser Region haben eine besondere Bedeutung für die kollektive slowenische Psyche”, hat die Nachrichtenagentur STA in Ljubljana kürzlich geschrieben. Auch für die Italiener sind die damaligen Kriegsereignisse immer noch „eine offene Wunde”, wie Museumsführerin Katja Sivec erklärt. Die italienischen Truppen seien der Propaganda ihrer Regierung aufgesessen, sie würden hier Landsleute befreien. „Sie waren erschreckt, als die merkten, dass die vermeintlichen Landsleute Slowenisch sprachen.”

„Mir ist Caporetto passiert”, ist jedenfalls auch heute noch im Italienischen ein Ausdruck für Niederlagen oder Missgeschicke. Diese „Schmach von Caporetto” liegt in der letzten und zwölften Isonzoschlacht im Oktober 1917 begründet. Nachdem der Habsburger Kaiser die Deutschen zu Hilfe gerufen hatten, holten die zum großen Schlag aus. 100 000 Waggons mit Waffen wurden ebenso herangeschafft wie Soldaten von der West- und Ostfront sowie 70 000 Pferde.

Nach massivem Artilleriebeschuss lösten sich die italienischen Verteidigungslinien in wenigen Tagen auf. Mit Unterstützung der Deutschen erzielte Österreich-Ungarn enorme Geländegewinne bis zum Fluss Piave nördlich von Venedig, obwohl eine Viertel Million britischer und französischer Soldaten zur Unterstützung anrückten. Dieser Durchbruch der jahrelangen Verteidigungslinien ging als erster „Blitzkrieg” in die Militärgeschichte ein.

In der Zwischenkriegszeit ließ der italienische Diktator Benito Mussolini oberhalb von Kobarid ein imposantes Beinhaus errichten, in dem 7014 Tote beigesetzt wurden. Ähnliche Beinhäuser gibt es in Oslavia und Redipuglia. Das deutsche Beinhaus in der Gemeinde Tolmin erbaute Ende der 30er Jahre eine Münchener Baufirma. Hier ruhen 1046 Tote der zwölften Isonzo-Offensive. Das Eingangstor besteht aus Mauser-Gewehrläufen.

An den Kriegsschauplätzen wurden riesige Menge an Waffen, Ausrüstung, Maschinen und zerschossenem Gerät zurückgelassen. Gras wuchs darüber. Wenigstens elf Männer haben in den letzten Jahren systematisch diese Kriegsrelikte gesammelt und umfangreiche private Sammlungen angelegt. Einer von ihnen ist Ivan Savli. In einer großen alten Scheune hat er die Relikte geordnet: Kanonenkugeln, Uniformen, Bajonette, Handgranaten, Stahlhelme, aber auch Arbeitsgeräte und Zivilkleidung.

Auch in der serbischen Hauptstadt Belgrad gibt es eine Weltkriegstour für Touristen. „Bisher sind aber noch keine Ausländer gekommen”, sagt der Historiker und Führer Vladimir Dulovic. Er bietet einen zweieinhalbstündigen Rundgang durch die Stadt an, bei dem wichtige historische Schauplätze aus den Anfängen des Krieges besucht werden. Von den Aufenthaltsorten Gavrilo Princips, dessen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste, bis zur alten Festung Kalemegdan. Von hier bietet sich ein spektakulärer Blick auf den Zusammenfluss von Save und Donau. Genau dort fielen in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli vor 100 Jahren die ersten Schüsse des Ersten Weltkrieges.

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