Krach vermeiden und bewusst entspannen: Das hilft gegen Lärmstress

Von: Philipp Rudolf, dpa
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Lärmstress, A40, Verkehr
Nicht zu beneiden: Wer so dicht an verkehrsreichen Strecken wohnt wie hier an der A40 in Essen, sollte sich regelmäßig in leiser Umgebung erholen.

Dessau-Roßlau. Viele Menschen erleben die absolute Stille höchstens noch mit der Hilfe von Ohrstöpseln: Irgendwo klingelt fast immer ein Handy oder es dudelt Musik. Und über all das legt sich vielerorts das Brummen des nie endenden Straßenverkehrs. Diese Geräuschkulisse kann auf Dauer krank machen. Auf die Folgen solch dauerhafter Lärmbelastung will die Aktion „Tag gegen Lärm” am 30. April aufmerksam machen.

„Lärm kann Bluthochdruck verursachen und in der Folge Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen”, warnt Thomas Myck, Leiter des Fachgebiets Lärmminderung beim Umweltbundesamt (UBA) in Dessau-Roßlau. Problematisch sei schon ein Dauerpegel, der so laut ist wie eine normale Unterhaltung. „Dann schüttet der Körper die Stresshormone Noradrenalin und Cortisol aus. Das wiederum führt auf lange Sicht zum erhöhten Blutdruck”, sagt Myck.

Auch wenn die Beschallung nicht zwangsläufig zu körperlichen Erkrankungen führen muss, kann sie der Psyche zusetzen: Konzentrationsprobleme, Gereiztheit und Nervosität können die Folge sein. Ob die Geräusche krank machen, hängt auch davon ab, wie Betroffene diese bewerten. „Laute Musik von meinem ungeliebten Nachbarn lässt den Blutdruck sicher höher steigen als die eigene Musik”, erklärt Myck.

Vor allem Verkehrslärm empfinden viele Bundesbürger als sehr störend. Laut einer UBA-Umfrage fühlt sich mehr als die Hälfte vom Straßenlärm belästigt. Rund ein Fünftel der Befragten stört der Schienenverkehrslärm.

Bei Straßenlärm sei das Problem, dass er allgegenwärtig ist, erläutert Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm (ALD) der Deutschen Gesellschaft für Akustik (Dega), die den „Tag gegen Lärm” in Deutschland initiiert hat. Züge dagegen machen zwar nicht permanent Krach, können aber die Lautstärke eines Presslufthammers erreichen, wenn sie vorüberdonnern und jemand in Gleisnähe steht oder wohnt.

Wer an einer stark befahrenen Straße oder an einer Bahnstrecke wohnt, sollte daher das Schlafzimmer zum Hinterhof wählen, rät Jäcker-Cüppers. Wenn das nicht möglich ist, sollten die Bewohner in jedem Fall bei geschlossenem Fenster schlafen. „Denn die Verkehrsgeräusche wirken auch in der Nacht auf uns ein. Der Schlaf ist dann weniger erholsam, langfristig sind gesundheitliche Schäden die Folge”, erklärt er. In lauter Umgebung sollten Anwohner sich außerdem öfter Ruhephasen gönnen, etwa durch regelmäßige Pausen in leiser Umgebung.

Jeder könne aber selbst etwas gegen die zunehmende Lautstärke in den Städten tun: „Bewohner sollten nicht zusätzlich Lärm in der Nachbarschaft verursachen - aus Rücksicht auf die eigene Gesundheit sowie auf die der Nachbarn”, sagt der Lärmforscher. Bei Gartenarbeiten rät er etwa zu leisen Geräten mit Elektromotor. Das Auto öfter mal stehen zu lassen, helfe auch.

Die Gründe für die menschliche Geräuschempfindlichkeit liegen weit zurück, erklärt UBA-Experte Myck. Schon für unsere frühen Vorfahren waren Geräusche ein Warnsignal: Wenn es irgendwo im Gebüsch raschelte, waren sie dank Stresshormonen sofort bereit zur Flucht vor wilden Tieren. Auch heute funktionieren diese Mechanismen noch, mit dem Unterschied, dass Geräusche wie Autolärm keine Bedeutung haben. Der Körper reagiert dennoch darauf, indem er Stresshormone ausschüttet.

Da Flucht vor dem Lärm nicht immer möglich ist, müssen die Hormone irgendwie anders abgebaut werden - durch Sport etwa oder Entspannung. „Yoga und Autogenes Training sowie andere Entspannungsverfahren können helfen, die hohe Stressbelastung zum Beispiel bei Dauerlärm, zu senken”, erklärt Björn Husmann, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Entspannungsverfahren (DG-E).

Yoga sei generell gut, um zu lernen, Stress gelassen zu begegnen. „Im Grunde fügt man dem Körper bei manchen Übungen leichte Schmerzen zu und lernt dann, damit meditativ umzugehen”, erklärt Husmann das Prinzip. Eine Übung für Anfänger könne sein, bei durchgestreckten Beinen mit den Händen die Fußspitzen zu berühren. „Wenn Sie nun bewusst in die Dehnung hineinatmen, um sich zu entspannen, lernen Sie auch, unangenehme Aspekte wie Dehnungsschmerz innerlich zu akzeptieren. Das lässt sich dann auch auf Lärm übertragen”, sagt der Diplom-Psychologe.

Auch Autogenes Training sei bei Stressbeschwerden nachweislich hilfreich, erklärt Husmann. Über bestimmte Vorstellungen wie innere Ruhe, Schwere oder Wärme der Glieder wird der körpereigene Entspannungsprozess angestoßen. Regelmäßiges Üben trägt dazu bei, dass Körper und Geist insgesamt weniger anfällig für Stress sind und der betreffende Mensch auch gelassener mit Lärmbelastungen umgeht.

Entspannungstechniken sollten aber schon vor akuten Stressphasen eingeübt werden, rät Husmann. Dann seien sie am wirkungsvollsten. „Wer regelmäßig Yoga oder Autogenes Training macht, lässt störende Geräusche gar nicht so stark an sich heran.”

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