Aachen - Büchel-Pläne: Furcht vor „Ausweitung von Angsträumen“

Büchel-Pläne: Furcht vor „Ausweitung von Angsträumen“

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Razzia im Rotlichtviertel: Schon heute fahren die Ermittler zahlreiche Einsätze in der Antoniusstraße. Sollten die Bordelle im Zuge der städtebaulichen Aufwertung des Altstadtquartiers Büchel vor Ort verbleiben, fürchtet die Polizei sogar noch einen Anstieg der Kriminalität. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Manchmal reicht ein kurzer, schlichter Satz, um eine Position auf den Punkt zu bringen. Zwar hat die Aachener Polizei ihre Stellungnahme zum aktuellen Bebauungsplan für das Gebiet rund um die Rotlichtmeile Antonius-straße auf insgesamt 22 Seiten umfangreich formuliert.

Doch was die Behörde von der städtebaulichen Idee hält, das heruntergekommene Altstadtquartier Büchel in ein florierendes Viertel mit Cafés, Geschäften und Wohnungen für junge Familien zu verwandeln und zugleich die Bordelle vor Ort zu belassen, wird alleine schon in diesen zwölf Worten deutlich: „Es ist mit einer Neuentstehung, Manifestierung bzw. Ausweitung von Angsträumen zu rechnen.“

Und wie diese Angsträume aussehen, wird von der Polizei prägnant beschrieben. Dort werde es die „bereits aktuell manifesten Begleitumstände wie Belästigungen durch Lärm, Pöbeleien, Entsorgung von Essensresten, Zerschlagung von Flaschen, Vermüllung, Urinieren und regelmäßig Kot“ geben.

Außerdem sei mit einem Anstieg der Kriminalität zu rechnen, „wenn Wohnnutzung und gewerbliche Nutzung durch Prostitutionsbetriebe zusammentreffen“ – und zwar mit „milieutypischen Begleiterscheinungen wie Belästigungen durch alkoholisierte oder unzufriedene Kunden, organisierte Kriminalität, Menschen- und Drogenhandel, ausbeutender Zuhälterei, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Verstößen gegen das Waffenrecht und Gewaltkriminalität bis hin zu Tötungsdelikten“.

Eine Kita mit Videoüberwachung

Die Polizei schätzt die Lage im zukünftigen Altstadtquartier Büchel sogar so brisant ein, dass sie für die Kita, die dort ebenfalls entstehen soll, die Installation einer Videoüberwachungsanlage empfiehlt – um eine „rechtzeitige Intervention im Alarmierungsfall zu ermöglichen“. Wobei das mit der Intervention so ein Sache sein könnte, wenn die Pläne so umgesetzt werden wie bislang vorgesehen: Denn dann sei die „Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auf dem aktuellen Niveau oder sogar darüber hinaus“ für die Polizei „nur unter nicht hinnehmbarem hohem personellen und finanziellen Aufwand leistbar“, heißt es in dem Papier, das der AZ vorliegt.

Dass die Polizei einen Verbleib der Bordelle am angestammten Platz in der City ablehnt, ist schon länger bekannt. Polizeipräsident Dirk Weinspach hat dazu bereits im Frühjahr mehrfach Stellung bezogen. Doch die Deutlichkeit, mit der die polizeiliche Stellungnahme nun die städtebaulichen Pläne in Bausch und Bogen zerpflückt, dürfte den Vertretern von Politik, in der nur die FDP für eine Auslagerung der Bordelle ist, und Verwaltung erheblichen Diskussionsstoff liefern – nicht zuletzt auch bei dem öffentlichen Forum, das unsere Zeitung am 23. November zu diesem Reizthema veranstaltet.

Übergeben wurde das Papier der städtischen Verwaltung Mitte September anlässlich eines Gesprächs, das beide Seiten nachher als „konstruktiv“ bezeichneten. Allerdings dürfte es sich allenfalls um beidseitiges konstruktives Zuhören gehandelt haben: Zu groß ist die Diskrepanz zwischen den Plänen und der polizeilichen Sicht der Dinge, als dass ein Kompromiss die Kluft überbrücken könnte.

Auch dass das geplante Laufhaus und die übrigen Bordellbetriebe auf wesentlich weniger Raum als heute konzentriert und von der umgebenden neuen Bebauung förmlich abgeschottet werden sollen, ist für die Polizei keine Lösung. Im Gegenteil: „Eine Sackgassenlösung ist abzulehnen“, heißt es in dem Papier. Eine Abschottung führe in Notfällen zu einer „Fallensituation für Opfer und Einsatzkräfte“. Außerdem böte sich in einem solch isolierten Stück Straße „eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Entstehung einer neuen manifesten einschlägigen Subkultur“, was letztlich zu „einer Teilaufgabe des öffentlichen Raumes“ führen könne.

Und nicht zuletzt stehe eine Abschottung in Widerspruch zu einem wichtigen Argument für den Verbleib der Bordelle in der City. Gemeint ist die dort vorgeblich besser mögliche Integration und soziale Kontrolle für die Prostituierten – mit der es laut Polizei im Übrigen auch heute nicht sonderlich weit her ist.

Plädoyer für neuen Standort

Dies sähe an einem Standort außerhalb der City – wie ihn Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp intensiv sucht – anders aus. Dort wäre „die tatsächliche wirksame Unterstützung der Sexarbeiterinnen“ aus polizeilicher Sicht „leistbar und durchführbar“. Dort könnte „eine neue Standortsituation neue, unbelastete Chancen zum räumlichen Aufbau eines Vertrauensschirms der Sozial- und Gesundheitsbehörden sowie weiterer Organisationen bieten“. Und dort wäre auch ein zufälliges Auf-einandertreffen von Tätern und Opfern, wie zum Beispiel Touristen und sonstige Innenstadtbesucher, weitgehend ausgeschlossen.

Außerdem hätte eine solche Auslagerung laut Polizei einen unschätzbaren Vorteil für das Altstadtquartier Büchel. Denn dann komme es dort wohl schnell zu einer „Eindämmung bis hin zur Auflösung aller einschlägigen milieutypischen Problemstellungen“ – was der Aufenthaltsqualität in dem neuen Viertel in bester Innenstadtlage, so prophezeien es die Verfasser, durchaus entgegenkommen dürfte.

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