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Freitag, 2. Mai 2008
Willst du mein Freund sein?
Eine Geschichte für Kinder, aber auch für Erwachsene, die sich noch an Geschichten für Kinder erfreuen können

6. Kapitel - Willst du mein Freund sein, Prinz Jonathan?

Es regnet. Kein Feriengast kommt auf den Marktplatz.

Alle hocken in den Hotels und Pensionen und machen mürrische Gesichter. Nur ab und zu läuft ein Tourist über die Straße, um bunte Ansichtskarten zu kaufen, denn bei diesem Wetter hat man Zeit zum Schreiben. Keinen der Fremden sieht man mit Regenmantel oder Schirm. Diese Dinge haben sie zu Hause gelassen. Ihre hellen Sommeranzüge und –kleider kleben nass an ihnen. Anscheinend denkt niemand daran, es könnte im Urlaub auch einmal regnen. Vielleicht liegt das an den Reiseprospekten und Ansichtskarten. Sie zeigen die Ferienorte nur bei strahlendem Sonnenschein.

Martin ist dem Wetter dankbar. Jetzt hat er einen freien Nachmittag, den er für einen Ausflug ins Gebirge nutzen will. Er wandert zum Dorf hinaus. Gleich hinter dem Ort beginnt die Straße zu steigen. Der Junge biegt auf einen schmalen Weg ab, der zwischen Obstbäumen und Weinstöcken bergan führt. Die Blätter sind heute nicht staubig, sie glänzen frisch gewaschen, grün und saftig. Die Erde duftet. Regentropfen laufen ihm über das Gesicht, während er emporklettert. Martin kennt diesen Pfad; er ist ihn schon oft gegangen. Die Bergsteiger benutzen alle die steile Ostwand. Hier vom Südhang aus ist es unmöglich, auf den Gipfel zu gelangen, weil der Weg kurz vor dem Ziel abrupt an einem mindestens acht Meter breiten Felsspalt endet.

Eines Tages werde ich hinüberspringen, meine Beine sind lang und werden noch länger. Der Junge hat im Garten ein Stück von acht Metern Breite zum Üben abgesteckt. Siebenmeterdreißig schaffte er schon, aber das war vor mehreren Wochen; jetzt bleibt ihm nicht mehr viel Zeit zum Proben.

Das Steigen macht Spaß. Martin kommt ordentlich ins Schwitzen. Der Regen lässt nach, hört auf, die Sonne schaut hervor, sie brennt auf seinen Rücken. Da bemerkt er jemanden, der vor ihm den Berg hinaufklettert.
„Hallo“, begrüßt Martin ihn. Es ist zwar nur sein eigener Schatten, doch der Junge freut sich über den Begleiter. Er hat ihn schon so oft gesehen, aber nie besonders beachtet. Jetzt muss Martin plötzlich laut lachen. „Da sagt man immer, ich sei groß, aber du bist ja noch ein ordentliches Stück länger als ich.“

Der Schatten bleibt stumm, doch das macht nichts. Mit Martins Vater kann man sich auch stundenlang unterhalten und er sagt dazu kaum mehr als „aha“ oder „nein, so was“, manchmal nickt er nur mit dem Kopf. Alle Nachbarn reden gerne mit ihm, weil er ein so geduldiger Zuhörer ist.

„Wie wäre es mit einem kleinen Wettlauf?“, schlägt Martin seinem Begleiter vor. Der gibt keine Antwort, also ist er wahrscheinlich einverstanden. „Dort bis zu dem großen Stein. Achtung, fertig, los.“
Der Junge flitzt, so schnell ihn seine langen Beine tragen, doch der Schatten ist als erster am Ziel.
„Bravo“, freut Martin sich und klatscht in die Hände. „Du hast gewonnen. Noch nie hat mich jemand besiegt, außer, wenn ich ihn absichtlich gewinnen ließ.“

„Wollen wir es noch einmal versuchen?“, schlägt er vor, nachdem sie wieder ein gutes Stück weiter bergan gestiegen sind. Sein Begleiter schweigt, doch als Martin nach dem Kommando „Achtung, fertig, los“, davon flitzt, rennt auch der Schatten – und wieder gewinnt er.

Der Junge lässt sich, nach Luft japsend, fallen. Er liegt auf dem Boden und lacht vor Vergnügen. „Du bist endlich ein ebenbürtiger Gegner!“, lobt er den Schatten. „Und ich bin albern“, fügt er nach einer Weile hinzu. „Außerdem ist der Felsboden ungemütlich.“ Er steht auf, zieht seinen Pullover aus, schüttelt den Staub heraus und knotet ihn mit den Ärmeln um seine Schultern.

Nur noch hundert Meter sind es bis zum Felsspalt. Als er sich diesem nähert, geschieht plötzlich etwas Seltsames. Seine Beine rennen ohne jedes Zutun los, sie laufen mit ihm auf den Abgrund zu, die Füße stoßen sich ab, für Sekundenbruchteile saust der Junge durch die Luft – dann landet er wohlbehalten jenseits des Felsspaltes. Martin bleibt benommen auf dem Boden hocken.

„Potztausend, das hätte schief gehen können“, sagt er laut und wirft einen Blick in die tiefe Schlucht hinter sich. Das Herz klopft ihm bis zum Hals, doch nach einer Weile siegt seine Freude über die gelungene Leistung. „Das hat vor mir noch keiner geschafft. Der Großvater wird staunen, wenn ich es ihm erzähle. Er wird mir glauben, sonst braucht keiner davon zu erfahren. Jeder andere würde mich nur für einen Aufschneider halten.“

Martin will die wenigen Meter bis zum Gipfel emporsteigen, aber auf einmal fällt das Gelände sanft ab, führt hinunter in ein Tal, dessen Grund unsichtbar ist, weil es unter dichtem Nebel verhüllt liegt. Erst allmählich tauchen aus dem grauen Dunst Häuser und menschenbelebte Straßen auf. Als er sich nähert, bleiben plötzlich die Leute auf den Gehwegen stehen, zwei Frauen setzen ihre Einkaufstaschen nieder und blicken ihm entgegen, ein Mann, der in einem Vorgarten Rosen schneidet, lässt die Schere fallen und schaut den Jungen an, eine Fenster putzende Frau hört mitten in der Bewegung auf, das Wasser trocknet auf den Scheiben ein und verschmiert sie.

Der Junge wird oft angestarrt, doch das Aufsehen, das er hier erregt, geht weit über das Übliche hinaus. Verärgert wendet er sich ab und steigt wieder den Pfad empor. Da kommt plötzlich Leben in die Menschen. Die beiden Frauen lassen ihre Einkaufstaschen stehen und laufen ihm nach, der Mann stößt mit dem Fuß die Schere beiseite und schwingt sich über den Gartenzaun auf die Straße, die Frau, die eben noch die Scheiben putzte, nimmt sich nicht einmal Zeit, durch die Haustür zu gehen, sie springt einfach aus dem Fenster, das zum Glück im Erdgeschoss liegt.

Rufend und winkend rennen die Menschen hinter Martin her. Der bleibt stehen. Im Nu ist er von einer großen Schar umringt. Kinder zupfen an seinen Ärmeln, Männer und Frauen lachen ihn an, jeder redet auf ihn ein, alle gleichzeitig, er versteht kein Wort. Sie drängen ihn vorwärts durch Straßen und Gassen bis zu einem riesigen Palast. Wächter in prächtigen Uniformen halten vor dem großen Eingangstor Wache. Sie nehmen Martin schweigend in ihre Mitte und führen ihn in das Gebäude; die Menschenmenge bleibt draußen zurück. Verwirrt folgt der Junge den Männern durch lange Gänge. Diese sind sehr hoch, Martin braucht sich nicht zu bücken, selbst dann nicht, wenn sie durch eine Tür schreiten. Weiche Teppiche, die den Laut jeden Schrittes verschlucken, bedecken den Boden, unzählige Kerzen brennen, obwohl helllichter Tag ist.

Sie kommen in einen Saal. Mitten darin steht ein Thron; darauf sitzt ein älterer Herr, der eine Krone auf seinem zur Seite geneigten Kopf trägt. Die Krone ist verrutscht und sitzt schief, der Mann schläft. Die Wächter und mit ihnen Martin bleiben stumm und bewegungslos neben der Tür stehen, niemand will den Schlummernden aufwecken. Nach einer Weile öffnet dieser die Augen, er sieht den Jungen, plötzlich springt er hellwach vom Thron und läuft ihm entgegen.
„Endlich“, sagt er, „endlich kommst du.“

Verblüfft betrachtet Martin den Mann, der ihm gegenübersteht. Er ist groß, genauso groß wie er selbst.
„Endlich“, murmelt er noch einmal. „Ich bin alt und müde; es wurde Zeit, dass du kamst, um mein Nachfolger zu werden.“
„Ich verstehe das alles nicht“, stottert Martin. Da nimmt der Mann ihn beim Arm und führt ihn zum Thron.
„Setz dich“, fordert er den Jungen auf. „Nun setz dich“, sagt er noch einmal, weil Martin zögert. „Dieser Thron ist sowieso für dich bestimmt.“

„Für mich?“

„Ja. Du musst wissen, in diesem Tal wohnt ein besonderes Volk. Und du gehörst zu uns. Wir wollen nichts mit den anderen Menschen zu tun haben, weil sie sich zanken und streiten. Darum leben wir zurückgezogen hier in unserem Tal. Zum Glück wurden wir bisher nie entdeckt, weder von einem Flugzeug aus, noch von den Bergsteigern, die auf dem Gipfel stehen und nur einen dichten Nebelschleier sehen, unter dem unser kleines Reich ständig verborgen liegt. Alle paar Jahrzehnte wird ein Junge geboren, der sich durch seine Größe von den anderen unterscheidet. Dieser ist ausersehen, König zu werden. Du wirst einmal mein Nachfolger.“

„Aber wieso ich? Ich komme aus dem Dorf am See und bin nur durch Zufall so groß.“

„Nein.“ Der König schüttelt lächelnd den Kopf. „Deine Großmutter Irene war eine Frau aus unserem Volk. Sie ist in diesem Tal aufgewachsen, aber sie konnte den ewigen Nebel hier nur schwer ertragen und spazierte oft den Berghang hinauf, um die Sonne zu sehen. Da stand eines Tages jenseits der Felsspalte ein junger Mann. Sie blickte ihn an, er schaute zurück, keiner sprach ein Wort. Am nächsten Tag kamen beide um die gleiche Zeit wieder – so ging das eine Woche, einen Monat lang. Mit der Zeit mochte Irene den Besucher mehr als den Frieden in diesem Tal. Da fällte der Fremde, der ihr vom bloßen Ansehen her schon so vertraut war, eine lange Fichte und schob sie über den Abgrund. Irene liebte den jungen Mann inzwischen sehr, sie überwand ihre Angst vor der tiefen Schlucht und kletterte hinüber, zog mit ihm in sein Dorf und die beiden heirateten.

Manchmal stieg einer von uns bis zum Felsspalt und schaute durch ein Fernglas hinunter. Deine Großmutter schien uns nicht ganz vergessen zu haben; sie sah öfters zum Berg hoch, doch ihr Gesicht war stets heiter und zufrieden. Ich glaube, sie fühlte sich glücklich, dort in ihrer neuen Heimat. Wenn sie das Fernglas in der Sonne blitzen sah, winkte sie uns zu. Ein Sohn wuchs heran und unterschied sich durch nichts von anderen Kindern. Nachdem deine Oma gestorben war, schauten wir nur noch selten ins Tal hinab. Unterdessen wartete mein Volk auf die Geburt des Thronfolgers. Da kam eines Tages einer meiner Männer in den Palast gestürzt. Er brachte vor Aufregung kein Wort hervor, nahm mich beim Arm, zog mich auf den Berghang und reichte mir sein Fernglas. Zuerst sah ich an der Stelle, die er mir wies, nur einen Mann über die Straße gehen. „Die Schultasche“, stotterte mein Begleiter, „die Schultasche.“

Nun verstand ich. Bei dem, den ich für einen Mann gehalten hatte, handelte es sich um einen Buben auf dem Nachhauseweg von der Schule. Er war demnach noch sehr jung, doch schon so groß wie ein Erwachsener, nein, sogar viel größer. Als er in ein Haus ging, musste er sich sehr tief bücken, um überhaupt durch die Tür zu kommen. Jetzt wusste ich, dass endlich ein Nachfolger für mich lebte. Der unwahrscheinlich große Junge war offensichtlich der Enkel von Irene, jener Frau aus unserem Volke. Am nächsten Tag feierten wir ein großes Fest. Seitdem warteten wir auf den Buben vom Seeufer, warteten auf dich, Prinz … Wie heißt du eigentlich?“

„Martin.“

„Prinz Martin.“

Der Junge hockt regungslos und verwirrt auf dem Thron. Er, ein Prinz! Darüber muss er erst nachdenken.

„Du kannst noch einmal hinunter in dein Heimatdorf gehen, dich von allen Verwandten, Freunden und Bekannten verabschieden, aber nur im Stillen, in deinem Herzen, ohne ihnen ein Wort zu sagen. Du darfst niemandem verraten, wohin du dich begibst. Packe die Sachen, von denen du dich nicht trennen magst, ein. In drei Tagen erwarten wir dich zurück. Du sollst hier im Palast wohnen, wie es dir zusteht und wie ein Prinz erzogen werden“, sagt der König. Dann verlässt er mit einem freundlichen Gruß den Saal.

Martin bleibt noch eine Weile nachdenklich sitzen. Da zupft ihn jemand am Ärmel. Es ist ein Junge, in seinem Alter, aber von normaler Größe.

„Ich soll dich auf den Berghang zurückbegleiten“, erklärt er.

Die beiden verlassen den Palast und durchqueren das Tal. Jeder, dem sie begegnen, nickt ihnen freundlich zu. Sie steigen den Felspfad empor. Martin atmet tief durch, als sie endlich aus dem feuchten Nebel auftauchen.
„Wohnst du im Schloss?“, fragt er seinen Begleiter.

„Ja“, entgegnet der Junge. „Ich heiße Jonathan. Der König ist mein Großvater.“

„Oh, dann bist du ein Prinz“, sagt Martin, „ – genau wie ich“, fällt ihm nach einer Weile ein, denn er hat sich noch nicht daran gewöhnt.

„Ja“, erwidert der Junge. „Aber ich kann niemals König werden, weil ich so klein bin.“ Er seufzt.

Martin staunt. Zum ersten Mal in seinem Leben beneidet ihn jemand um seine Größe.
„Wir werden täglich beisammen sein“, überlegt er. „Vielleicht wird man uns zusammen unterrichten. Wäre es da nicht besser, wir freunden uns an? Willst du mein Freund sein, Prinz Jonathan?“

„Das halte ich für keine gute Idee“, entgegnet der Junge.

„Aber warum nicht?“, fragt Martin traurig. „Stört dich meine Länge?“

„Oh nein, keineswegs. Mein Großvater ist doch auch so riesig wie du. Aber wegen der Größe des Amtes, welches auf dich wartet, kann ich nicht dein Freund sein. Ein König ist immer einsam.“

Fortsetzung – Schluss – folgt.

5. Kapitel: Willst du mein Freund sein, kleines Krokodil?
4. Kapitel: Willst du mein Freund sein, Klaus?
3. Kapitel: Willst du mein Freund sein, Wassermann?
2. Kapitel: Willst du mein Freund sein, Großvater?
1. Kapitel: Willst du mein Freund sein, Lukas?

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