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Eine Geschichte für Kinder, aber auch für Erwachsene, die sich noch an Geschichten für Kinder erfreuen können
3. Kapitel - Willst du mein Freund sein, Wassermann?
Heute ist Kirmes in dem kleinen Dorf am See. Morgens geht eine Prozession durch die Straßen, nachmittags treffen sich alle Einwohner auf der Uferwiese.
Da gibt es ein Karussell für die Kleinen, am Glücksrad kann man Schokolade gewinnen, die Großen umlagern die Wurfbude, wo man mit Bällen auf Blechdosenpyramiden zielt und die Torwand, vor der sich mancher wie ein Fußballstar beim Elfmeterschießen vorkommt. Abends soll sogar ein Feuerwerk abgebrannt werden.
Doch der Höhepunkt des Tages ist das Wetttauchen der Jungen. Am Nachmittag fahren sie in Booten, von allen Dorfbewohnern und einer Musikkapelle begleitet, vor die Bucht hinaus. Dort, an der Stelle, wo der See etwa sechs Meter tief ist, springen sie ins Wasser und versuchen, bis auf den Grund zu tauchen. Jeder, der als Zeichen dafür, dass er unten war, eine Muschel oder einen Stein heraufbringt, erhält eine Anstecknadel. Außerdem wird die Zeit gestoppt und wer es am schnellsten schafft, wird Jahressieger und bekommt einen Preis.
„Dieses Jahr tauche ich mit“, hat Erik gestern in der Schule verkündet. Die anderen hatten ihn angestaunt. Wenn es ihm wirklich gelingt, bis auf den Grund zu kommen, würde er der erste sein, der es schon im zweiten Schuljahr schafft. Den Rekord hält Lukas, dem es im dritten Schuljahr glückte, doch eigentlich wäre er damals schon im vierten gewesen, wenn er nicht eine Klasse hätte wiederholen müssen. Jetzt will Erik es also schon mit den Größeren aufnehmen. Die Jungen des fünften Schuljahres werden alle tauchen. Wem es von ihnen nicht gelingt, bis auf den Grund zu kommen, muss sich das ganze Jahr über als Versager hänseln lassen; niemand wird ihn ernst nehmen, solange er es nicht geschafft hat.
Martin und seine ganze Familie fahren in einem geliehenen Fischerkahn hinaus. Der Großvater, die Eltern, seine fünfjährige Schwester, die Zwillingsmädchen, alle sind festtäglich angezogen, das Boot geschmückt. Martin sitzt neben dem Opa.
„Was meinst du, soll ich es auch versuchen?“, fragt er diesen.
„Selbstverständlich“, erwidert der Großvater, „du schaffst es bestimmt.“
Jetzt sind sie draußen vor der Bucht angekommen, wo die anderen Boote träge auf den kleinen Wellen schaukeln. Gerade erhebt sich der Bürgermeister; er hält eine Rede, die wie jedes Jahr eine halbe Stunde dauert und schrecklich langweilig ist. Trotzdem klatschen alle Beifall, als er schließlich zum Schluss kommt. Die Musik schmettert einen Tusch. Anton erhebt sich als Erster, er zieht sein Hemd aus und wirft es seiner größeren Schwester zu. „Mach’s gut, Junge“, ermahnt sein Vater ihn. Anton hechtet in den See. Die Familie hält den Atem an, starrt auf die Kreise im Wasser. Prustend taucht Anton wieder auf – ohne Stein, ohne Muschel. Ringsum enttäuschte Gesichter, nur ein Klassenkamerad grinst schadenfroh.
„Ich versuche es noch mal“, sagt Anton, pumpt sich gewaltig voll Luft, taucht weg, zwei Füße sehen noch einen Augenblick zappelnd heraus, dann sind sie verschwunden. Seine Mutter zerknüllt aufgeregt ein Taschentuch in der Hand, die große Schwester dreht an einem Knopf des Hemdes, das auf ihrem Schoß liegt, die Großmutter hat die Hände gefaltet und bewegt lautlos ihre Lippen, wahrscheinlich betet sie, die anderen wagen nicht, sich zu rühren. Da ist Anton wieder. Triumphierend hält er einen flachen weißen Stein in die Höhe! Jubel bricht im Boot aus, man zieht den Helden herein, Wasser schwappt über den Rand, seine Schwester kreischt, die Zuschauer gratulieren, der Oma läuft eine Freudenträne über die Wange, die Mutter tätschelt dem Jungen den Kopf, der Vater drückt ihn, nass wie er ist, an sich. Jetzt zählt Anton fast zu den Männern, die ganze Familie blickt mit Stolz auf ihn.
Drei weitere Jungen versuchen ihr Glück. Zwei schaffen es, einem gelingt es, trotz mehrmaligen Versuchs, nicht. Jetzt ist er für dieses Jahr ausgeschieden. Niedergeschlagen sitzt er im Boot. Seine Angehörigen schämen sich.
Nun steht Erik auf, zieht das Hemd aus, streift die Leinenhose ab, er steht in der Schwimmhose da.
„E – rik -, E – rik –”, rufen seine Mitschüler im Chor, um ihn anzufeuern. Währenddessen macht sich auch Martin zurecht, um nach ihm zu starten. Eriks Mutter sieht es, als sie ihren stolzen Blick von ihrem Sohn abwendet und siegessicher zu den Nachbarn lächelt. Sie springt heftig auf, das Boot schwankt bedenklich, sie zeigt mit dem ausgestreckten Arm empört auf Martin:
„Schaut dort den Langen, er will auch tauchen. Das geht doch nicht! Unsere Kinder würden benachteiligt; ist doch klar, dass er es in der kürzesten Zeit schafft. Das wäre dasselbe, als wenn jetzt die erwachsenen Männer mit den Jungen um die Wette tauchen“, kreischt sie aufgeregt.
Alle sehen jetzt zu Martin hin. Seine Mutter merkt nun erst, was ihr Sohn vorhat, sie musste sich die ganze Zeit um die drei kleinen Mädchen kümmern, sie zur Ruhe ermahnen, Nasen putzen, Haarschleifen binden, Kleidchen glatt zupfen.
„Setz dich“, zischelt sie ihm zu. „Ich mag es nicht, wenn alle Leute zu uns her gaffen.“
Er lässt sich zögernd nieder. Aber der Großvater protestiert. „Warum soll mein Enkel nicht tauchen? Falls die anderen jedoch fürchten, er wäre ihnen überlegen, kann er ja außer Konkurrenz starten. – Los Junge, zeige es ihnen!“
Martin steht wieder auf. „Los Junge, los“, ermuntert ihn auch sein Vater. Kurz nach Erik, der gewartet hat, bis alle wieder aufmerksam zu ihm hersehen, springt er in den See. Das ist eigentlich gegen die Vorschriften, es soll immer nur einer im Wasser sein. Martin taucht; verschwommen sieht er Erik in seiner Nähe. Warum trägt dieser eine Badekappe? Niemand aus dem Dorf schwimmt mit einer Badekappe, das machen nur die Urlauberinnen, um ihre Locken zu schützen. Wahrscheinlich hat eine von ihnen die Kopfbedeckung im Strandbad vergessen, Erik will sich damit wichtig machen. Nun nimmt er die Kappe vom Kopf. Aha, sie wird ihm also lästig. Doch jetzt sieht Martin, wie sein Klassenkamerad etwas hervorholt, das er darunter versteckt hatte. Einen flachen Stein! Er ist noch ein gutes Stück über dem Grund, doch er wendet, taucht auf, siegessicher hält er den Stein in der Hand. – Oben werden sie jubeln, denkt Martin; natürlich hört er es hier unter Wasser nicht. Selbstverständlich wird er Erik nicht verraten, das weiß dieser. Petzen tut man nicht. Und außerdem würde ihm keiner glauben.
Inzwischen ist der Junge auf dem Grund angelangt. Da er doppelt so groß wie ein normaler ausgewachsener Mensch ist, sind seine Lungen auch doppelt so umfangreich und er kann doppelt so viel Luft darin speichern. Martin braucht noch nicht nach oben, er schwimmt dicht über dem Sand. Hier gibt es nicht viel zu sehen. Ringsum nur grau-grünes Wasser. Plötzlich fällt der Grund jäh ab. Dort unten erblickt Martin etwas, verschwommen nur und verzerrt, es gleicht einem Ungetüm. Neugierig gleitet er tiefer; er landet vor einem Schiffswrack. Muscheln hängen an den Seitenwänden, die Planken sind mit Schlick überzogen. – Dem Jungen wird die Luft knapp. Er muss auftauchen.
„He Martin, wo hast du deinen Stein?“ Mit diesen Worten empfängt Erik ihn an der Oberfläche.
„Ja, wo ist der Stein?“, ruft man auch aus den anderen Booten.
„Du warst so lange unten und hast es doch nicht bis auf den Grund geschafft?“
„Wahrscheinlich ist er um die Landzunge herumgeschwommen. Dort hat er sich eine Weile am Ufer versteckt, damit wir glauben, er könne so lange tauchen.“
Von allen Seiten verspottet man Martin. Seine Mutter schaut ihn gar nicht an, während er ins Boot klettert. „Los, nur schnell von hier fort“, befiehlt sie ihrem Mann. „Immer müssen wir uns wegen des Jungen vor den anderen schämen.“
Sein Vater rudert zurück, dabei schimpft er halblaut vor sich hin, die Schwestern plärren, weil sie noch nicht nach Hause wollen, nur der Großvater sieht Martin fragend an.
Es ist Abend. Im Garten spielen die kleinen Mädchen; sie haben die Sonntagskleidchen ausgezogen und tragen jetzt Jeans und T-Shirts. Endlich dürfen sie sich wieder schmutzig machen. Eigentlich sind sie darum froh, nicht auf dem Fest zu sein. Martins Vater raucht auf der selbst gezimmerten Bank eine Pfeife, auch er ist zufrieden. Heute Abend wollte seine Frau mit ihm tanzen gehen, jetzt kann er gemütlich zu Hause bleiben, weil sie sich vor den Nachbarn schämt. Er sitzt viel lieber im Garten, genießt den Abend und lässt sich die Pfeife schmecken.
Nur Martins Mutter ist noch wütend. Sie hatte sich so auf das Tanzen gefreut. Laut klappert sie mit den Töpfen in der Küche und jammert dabei über den missratenen Sohn.
„Denk dir nur, Erik ist Sieger geworden“, hat ihr vorhin eine Nachbarin über den Zaun zugerufen. „So jung wagt er sich ans Wetttauchen, es gelingt ihm nicht nur, nein, nicht nur das, er schafft es auch in der kürzesten Zeit.“ Die Schadenfreude auf ihrem Gesicht reichte, um die Laune von Martins Mutter restlos zu trüben.
„Immer nur Arbeit; den ganzen Tag kochen, waschen, Kinder baden und das bisschen Spaß, das man ab und zu hat, verderben sie einem noch“, hört der Junge sie durch das offene Fenster schimpfen. Er schleicht schuldbewusst davon, zum Großvater.
„Was hast du auf dem Seegrund gesehen, das dich den Stein vergessen ließ?“, fragt dieser gleich.
„Ich war tatsächlich unten, du glaubst es mir doch?“
„Natürlich! Wäre doch gelacht, wenn gerade du es nicht schaffst.“
Nun erzählt Martin von dem Schiffswrack. Der Großvater hört aufmerksam zu. „Heute Abend leihen wir uns noch einmal einen Kahn aus. Ich glaube, das können wir mit ruhigem Gewissen“, sagt er und wendet den Kopf in Richtung Marktplatz. Von dort wehen Musik, Lachen, Singen, Johlen, Kreischen herüber. „Diese Nacht wird niemand zum Fischen hinausfahren. Horch nur, wie sich alle freuen, wie lustig und vergnügt sie sind.“
Auch draußen auf dem Wasser hört man von Ferne die Musik und dazwischen das Eintauchen der Ruder, das leise Plätschern der Wellen. Martin ist von zu Hause fortgeschlichen. Während seine Mutter glaubt, er liege im Bett, fährt er mit dem Großvater auf den See hinaus. Die beiden reden nicht.
Nun schießt über dem Wasser ein rot leuchtender Feuerball in die Höhe, ein grüner, ein blauer folgen. „Aaah“, hört man die Menschenmenge am Ufer staunen. Das Feuerwerk hat begonnen. Goldene Kugeln zerspringen, sprühen viele kleine Sterne in die Luft, Sterne, die vom Himmel fallen und verglühen. Alle starren hinauf, niemand sieht das Boot draußen auf dem dunklen See.
Der Junge und sein Großvater legen beide zur gleichen Zeit die Ruder aus der Hand. Martin bleibt sitzen, bis die letzten Funken des Feuerwerks erloschen sind, dann erhebt er sich, der Kahn schwankt leicht, er zieht Hemd und Jeans aus. Einen Augenblick steht er fröstelnd da, schaut noch einmal zum Großvater, der ihm zunickt. Martin hechtet ins Wasser. Tiefer und tiefer gleitet er hinab. Plötzlich ist ein Schwarm Fische um ihn, deren Schuppen in einem seltsamen, unwirklichen Licht schillern und leuchten, das den See ringsum erhellt. Dort ist das Wrack; Martin taucht darauf zu. Plötzlich beginnen die Fische ihn vorwärts zu schieben. Mitten in dem dichten Schwarm schwimmt er am Schiffsrumpf entlang, hinauf aufs Deck. Eine Treppe führt ins Innere hinunter. Die Fische drängen ihn weiter, matt erhellen ihre Schuppen einen finsteren Gang.
Dann machen sie vor einer Tür Halt. Der Junge versucht, sie zu öffnen. Mit seinem ganzen Gewicht wirft er sich dagegen; endlich gibt sie nach. Die Fische schwärmen in den dahinter liegenden Raum; er folgt ihnen. Sie stehen regungslos über einer schweren Kiste. Ein Schatz! durchfährt es Martin. Ich bin auf einem Piratenschiff und habe einen Schatz gefunden!
Mit zitternden Händen öffnet er den Deckel und sieht in die Kiste hinein. Erschrocken betrachtet er die regungslose Gestalt, die zusammengekauert darin liegt. Nun kommt Leben in das Wesen. Wasserblaue Augen sehen Martin erstaunt an. Jetzt begreift das Geschöpf, dass die Kiste offen, dass es nicht mehr eingesperrt ist. Blitzgeschwind fährt es hoch, flieht aus seinem Gefängnis, zur Tür hinaus, gefolgt von dem Fischschwarm. Martin fühlt sich wie erstarrt. Was er gesehen, ist unglaublich, ihm kommt es vor, als träume er. Das Wesen hatte Kopf, Arme, Oberkörper wie ein Mensch, jedoch von der Taille an abwärts bestand es aus einem schuppigen Fischleib. Ein Wassermann!
Der Junge muss Luft holen. Er krault hinaus in den Gang; dort gibt es nur Wasser und Dunkelheit. Angst überfällt ihn. Wenn er nicht schnell genug den Ausgang findet, muss er hier unten jämmerlich ertrinken. Doch nach einigen kräftigen Schwimmbewegungen befindet er sich wieder auf dem Schiffsdeck. Er stößt sich ab, gleich darauf kommt er schnaufend an die Oberfläche. Befreit atmet er ein und aus, genießt die Luft in tiefen Zügen.
Da taucht ein Kopf neben ihm auf. Der Wassermann! Er tummelt sich, spritzt, planscht übermütig mit dem Fischschwanz, lächelt glücklich. Martin fällt etwas ein.
„Willst du mein Freund sein?“, fragt er. „Ich komme dich täglich besuchen. Dann schwimmen und tauchen wir zusammen.“
Der Wassermann schaut ihn an – und antwortet nicht. Martin wendet sich traurig ab. Dort schaukelt das Boot auf den Wellen; der Großvater schnarcht.
„Was hast du gesehen?“, murmelt er schlaftrunken, als der Junge zu ihm hineinklettert und zurückrudert. Martin erzählt alles. Die beiden kommen ans Ufer. Sie ziehen das Boot an Land, dann torkeln sie müde heimwärts.
Draußen vor der Bucht schwimmt der Wassermann und beobachtet mit seinen seeblauen Augen die zweibeinigen, sich entfernenden Landbewohner. Er wäre so gerne der Freund dieses großen, gutmütigen Jungen, der ihn befreit hat! Doch wie soll er es ihm sagen? Weiß der Menschenknabe denn nicht, dass alle Wassermänner stumm sind – stumm wie die Fische?
2. Kapitel: Willst du mein Freund sein, Großvater?
1. Kapitel: Willst du mein Freund sein, Lukas?
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