|
|
Neulich hat Sarah mich mal wieder geschockt. Ohne mit der Wimper zu zucken erklärte sie mir, dass sie Bushido gut findet. „Wie bitte?“, rief ich und hyperventilierte. Bushido ist ein Rapper, der in seinen Texten gerne beleidigt, Fäkalsprache benutzt und bisweilen frauenfeindlich daher kommt. Nach Luft schnappend konfrontierte ich Sarah mit meiner Sichtweise. „Das ist vorbei“, sagte sie in einem provozierend ruhigen Ton. „Bushido hat sich komplett geändert!“„Geändert???“, rief ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Heino hat seinen Bambi wegen Bushido zurück gegeben.“ Sarah runzelte die Stirn. „Wer? Heino? Wer ist Heino?“
Okay, das will ich ihr mal durchgehen lassen. Sie wird nächsten Monat 14. Heino muss man da nicht kennen. Ist auch nicht gerade mein Fall, aber egal. In diesem Moment kam Heino wie gerufen. Der Mann, der für blauen Enzian steht wie die Annakirmes zu Düren gehört, hat den Bambi-Fernsehpreis aus Protest zurück gegeben, weil eben auch dieser Bushido mit dem Bambi geehrt worden war.
„Zeiten ändern dich“, sagte Sarah ziemlich lässig.
„Wie bitte?“
„So heißt sein neuestes Album. Und der Titel sagt alles. Bushido hat sich total gedreht. Er singt jetzt ganz andere Texte, richtig gute, nicht mehr so wie früher.“
Mein Puls war auf 180. Ich schüttelte den Kopf, eine Spur zu theatralisch. Dann sagte ich: „Jenseits von Gut und Böse.“ So heißt ein weiteres Album von Bushido, ich hatte das gegoogelt. „Das sagt auch alles.“
„Mann, Papa, du hast doch nur Vorurteile“, rief Sarah und verdrehte die Augen. „Das ist wieder typisch. Du gibst ihm gar keine Chance.“ Dann sagte sie, er singe heute komplett anders, die Texte von früher finde sie auch nicht gut, aber die seien Vergangenheit. Punkt.
Es war die alte Geschichte. Eltern haben am Musikgeschmack ihrer Kinder immer etwas auszusetzen – und umgekehrt. Dabei geht es nicht nur um die Musik an sich. Es geht auch um Lautstärke. Die Musik der Kinder ist immer zu laut. Denken Eltern. Seit Generationen. Und dann sind sie geschockt, die Eltern. Sie haben selbst Rolling Stones gehört, Beatles, Deep Purple, Pink Floyd oder BAP. Wenn die Kinder dann erwachsen werden, finden sie ihre Musik von früher immer noch gut – aber nicht die Musik, die ihren Kindern gerade gefällt. Und wenn diese Kinder groß sind, finden sie die Musik ihrer Kinder nicht so prickelnd. Und so weiter. Als wäre es ein Teil des Grundgesetzes: Der Geschmack der Kinder ist schlecht, schlecht, schlecht, der eigene Geschmack ist gut, gut, gut. Ja, das ist jetzt vielleicht etwas zugespitzt, aber die Richtung stimmt. Ich habe mir früher immer eingeredet, dass ich es als Erwachsener anders machen würde. So ganz gelingt das nicht.
Ich habe mir ein paar neue Texte von Bushido angehört. Er singt von Leuten, die nicht auf der Sonnenseite stehen und sich nicht unterkriegen lassen sollen, er singt ein Loblied auf seine Mutter, er appelliert, dass man immer seinen eigenen Weg gehen soll. Eigentlich ist dagegen nichts einzuwenden. „Zeiten ändern dich…“
Jetzt habe ich gelesen, dass Bushido eine eigene Partei gründen will. Er hat ein Praktikum bei einem CDU-Abgeordneten im Bundestag gemacht. Bei einem CDU-Mann! Und der hat gesagt, Bushido sei ein hochintelligenter junger Mann. Das war Wasser auf Sarahs Mühlen.
„Da siehst du es“, sagte sie triumphierend. „Bushido ist ein ganz anderer geworden.“ Und dann zeigte sie mir, dass er sich auch gegen bestimmte Sendungen im Privatfernsehen geäußert hat. Negativ geäußert. „Genau über diese Sendungen regst du dich doch auch immer auf“, sagte sie mir und griemelte.
„Das hat er von mir übernommen…“, rief ich. „Klar“, sagte Sarah und griemelte noch mehr. „Dann kannst du aber doch wirklich nichts mehr gegen ihn haben. Bushido ist auf deiner Seite, was willst du mehr…“
Kommentare (0)
Trackbacks (0)
Trackback URL von "Jenseits von Gut und Böse"
Adresse per Rechtsklick kopieren und in Ihrer Blogsoftware verwenden
Keine Trackbacks
Noch keine Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar zu diesem Artikel
|
 Menschenskinder, das ist das pralle Leben. Ein Vater berichtet regelmäßig über Kind und Kegel. Ähnlichkeiten mit anderen Familien wären rein zufällig, sind aber nicht ausgeschlossen.

|
Mai '13
|
| Mo |
Di |
Mi |
Do |
Fr |
Sa |
So |
|
|
|
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
|
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
|
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
|
20 |
21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26 |
|
27 |
28 |
29 |
30 |
31 |
|
|
|
|