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Dieser Tage hat sich Sarah in der Schule mit den zehn Geboten beschäftigt. Unter anderem ging es darum, sich selbst auch ein paar Gebote einfallen zu lassen. „Klasse“, sagte ich, als ich von der Aufgabe hörte, „da kann ich gleich zwei Gebote beisteuern.“
„Na, jetzt kommt`s“, sagte Sarah und legte die Stirn in Falten.
„Erstens“, sagte ich, „dein Vater hat immer Recht. Und zweitens: Sollte er einmal nicht Recht haben, tritt automatisch Gebot 1 in Kraft.“– „Ha, ha, ha, wieder sehr witzig der Herr Papa“, sagte Sarah. Dann legte sie mir ein Blatt vor, auf dem ihre zusätzlichen Gebote standen. Unter anderem las ich, dass man keine Menschen beleidigen und niemals körperliche Gewalt anwenden sollte. Wunderbar. Ich war zufrieden. Als ich dann noch las, dass alle Menschen am besten wie Brüder und Schwestern behandelt werden sollten, wollte ich sie zu einem dicken Eis einladen und ihr das Taschengeld um 20 Prozent aufstocken.
Dann las ich weiter.
„Du sollst Daniele Negroni verehren“, musste ich zur Kenntnis nehmen. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Mir wurde ein wenig schwindelig. Sarah lächelte mich an, als wollte sie sagen: Das ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit. Und vor allem: „Auch du, lieber Herr Papa, sollst Herrn Negroni verehren.“ Ich schluckte. Daniele Negroni ist Zweiter geworden bei DSDS, bei Deutschland sucht den Superstar. Sarah hat ihm über die gesamte Staffel alle Daumen gedrückt und einiges von ihrem Taschengeld aufgewendet, um ihn per Telefon in die nächsten Runden zu wählen.
„Das ist ja wohl nicht dein Ernst“, sagte ich. „Du willst doch nicht wirklich diesen Sänger verehren.“ Die Formulierung diesen Sänger wählte ich natürlich absichtlich... Ein bisschen Provokation muss sein, wenn Väter sich zu den Favoriten ihrer Töchter äußern, finde ich... Ich kann doch nicht einfach so durchgehen lassen, dass sie einen 16-Jährigen Sänger und Tänzer anhimmelt. Wo kämen wir denn da hin... Das ist die offizielle Version, die Sarah mehrmals in der Woche, manchmal sogar täglich, zu hören bekommt. Die inoffizielle Version lautet: Eigentlich ist gegen den jungen Mann nichts einzuwenden, er kämpfte bei DSDS, hatte Disziplin, entwickelte sich und äußerte sich sehr vernünftig. Aber pssst! Bitte nicht weitersagen. Sarah muss das nicht unbedingt wissen...
Bleibt noch ihr 5. Gebot. „Du sollst Facebook als Geschenk der Götter ansehen.“ Sie lächelte mich an: „Tja, fast eine Milliarde Menschen sind mittlerweile dabei“, sagte sie. „Und die können ja wohl nicht irren...“ Was sollte ich sagen? Diesem sozialen Netzwerk bin ich auch längst beigetreten, „hauptsächlich aus beruflichen Gründen“, sage ich immer gerne, auch wenn das nicht die hundertprozentige Wahrheit ist. „Du machst doch auch mit“, sagte Sarah prompt, „und du bist mein Vorbild...“ Dabei griemelte sie mir verdächtig stark. Und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie mich mit der Formulierung: „Du sollst Facebook als Geschenk der Götter ansehen“ auch provozieren wollte. Durfte ich mich beschweren? Ich machte das mit Daniele Negroni genauso...
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 Menschenskinder, das ist das pralle Leben. Ein Vater berichtet regelmäßig über Kind und Kegel. Ähnlichkeiten mit anderen Familien wären rein zufällig, sind aber nicht ausgeschlossen.

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