Seither ich im Grillraum meiner Oma die kleine Amsel-Familie entdeckt hatte, begleite ich sie. Man könnte es fast schon eine Art Dokumentation á la „Auf und davon!“ nennen. Ich bin stiller Beobachter und begeisterter Fan. Nachdem ich jedoch die Tage des Ausbrütens eher unspektakulär hinter mir ließ war es gestern so weit. Endlich erlebte ich die fünf kleinen Jungs und Mädels munter und lebendig. Sie quietschten, ließen sich die Schnäbel mit Würmern und Co stopfen und kletterten aufeinander herum.
Doch hätte ich zu diesem Zeitpunkt geahnt, was dann folgen würde, wäre ich lieber gleich gegangen. Nicht nur bei uns Menschen siegt die Neugierde, nein auch vor kleinen Amseln macht sie keinen Halt. Einer der fünf Kollegen konnte es wohl kaum erwarten endlich flügge zu werden.
Das kleine Tierchen kletterte voller Elan so lange auf seinen Geschwistern herum, bis es endlich aus dem Nest auf den Kamin gelangte. Obwohl wir in fröhlicher Grillrunde dort saßen zeigte sich der kleine Vogel wenig beeindruckt und marschierte schnurstracks drauf los.
Um ehrlich zu sein stand bereits zu diesem Zeitpunkt fest, dass der Piepmatz unsere Hilfe brauchen würde. Vorwärts war ja alles noch ganz prima, aber wie kommt man dann wieder zurück? Ganz klar: fallen lassen! Und genau das tat der kleine Kerl. Glücklicherweise war der Weg nach unten nicht ganz so heftig wie seine Selbstüberschätzung. Nach ein paar unnützen Versuchen setzten wir den Ausreißer dann zurück zum eher ruhigeren Clan der restlichen Familie.
Anstatt aus seinen Fehlern zu lernen unternahm er gleich den nächsten Versuch – diesmal allerdings zur anderen Seite. Dies bedeutete: langer Weg nach unten, Gras und Gefahr. Schnell rannten wir zur anderen Seite des Grillraumes und wurden fündig. Da saß ein kleiner Vogel, der zwar sehr temperamentvoll war, aber auch noch ein spärliches Federkleidchen trug und folglich hilflos und ängstlich wirkte.
Doch nicht nur er war ängstlich, sondern auch ich, denn ich hatte auf Deutsch gesagt Angst „etwas kaputt“ zu machen und so entwischte er in die nahe liegende Hecke. Schließlich eilten auch eine quietschende Frau Amsel und ein aufgebrachter Herr Amsel herbei und suchten nach dem verlorenen Kind. Immer wieder flogen sie in die Hecke hinein und ich lauschte einem winzig kleinem, leisem Geräusch.
Wir liefen nun ebenfalls hin und her und suchten überall nach einem kleinen Vogel, der ein wenig wackelig auf den Beinen war und definitiv noch nicht fliegen konnte. Endlich sahen wir ihn. Verschreckt in einer Ecke der dunklen Hecke lief der Vogel auf und ab. Wir beschlossen ihn zu umkreisen, also kletterte ich über das verschlossene Gartentörchen und versuchte mein Glück von der Straße aus.
Mit einem Handschuh ausgestattet (man weiß ja nie wie geruchsempfindlich solche Amsel-Eltern sind) wartete ich leise auf meinem Beobachterposten.
Nichts tat sich, weder im Garten noch auf meiner Seite. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben dem Tier helfen zu können, da stolperte eine kleine verwirrte Amsel aus der Hecke mitten auf den Gehweg, der nicht weit von der Straße entfernt war. Jetzt nur nichts falsch machen, dachte ich und in nicht einmal einer Minute würde der Ausreißer wieder im Nest sitzen.
Wie ein Panther schlich ich mich dem Vogel an. Er hüpfte davon und das nicht gerade langsam, somit wurde auch ich schneller und packte zu. Ja, da hatte ich ihn, den winzigen Vogel, der uns alle in Aufruhr versetzt hatte. Ich machte mich flotten Schrittes zurück auf den Weg und mein Onkel stieg auf die Leiter, um ihn wieder dahin zu bringen, wo er hingehörte.
Ich war wirklich stolz, denn wir hatten vielleicht einer werdenden Amsel das Leben gerettet, wenn sie nicht wieder auf die Idee kommen würde das Nest voreilig zu verlassen. Außerdem aß sich das fast schon geschmolzene Eis auf meinem Teller so viel besser.
Nach all dem Theater hörte man dann auch nichts mehr. Die Amseln blieben brav im Nest und schliefen. Schnabel nach oben (bloß keinen Wurm verpassen), aber sooo erschöpft.
Leider erfuhr ich heute Morgen, dass nur noch zwei Tierchen im Nest sitzen. Es ist wohl einfach an der Zeit fliegen zu lernen. Allerdings fällt es manchmal schwer die Natur so zu akzeptieren wie sie ist, denn es werden wohl kaum alle fünf Amsel-Küken schaffen Katzen, Mardern oder anderen Vögeln zu entkommen.