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Heute steht nur ein Punkt auf der Tagesordnung: der Preikestolen! In aller Herrgottsfr├╝he (es wird h├Âchstens gegen neun Uhr morgens sein) breche ich mit einer netten Kanadierin auf, die ich am Vorabend in der Herberge kennengelernt habe. Es regnet mal wieder, aber wir haben einen Deal: Sie tr├Ągt ihre Regenjacke, ich bekomme ihr Reiseschirmchen. Egal. Lieber gebe ich Gene "Singing in the Rain" Kelly, als dass sich meine Vliesjacke wie ein Schwamm vollsaugt.



Doch wir haben Gl├╝ck. Der Regen l├Ąsst schnell nach, aber au├čer uns ist kaum jemand unterwegs. Als wir uns nach einiger Zeit nach der Herberge umdrehen, entdecken wir ganz entfernt am Horizont Stavanger.



Es w├Ąre untertrieben zu sagen, der Weg ist steinig. In Wahrheit ist der Weg Steine. Dies hier ist noch der einfachere Teil. Auf zwei Stunden Marsch taxiert jeder Reisef├╝hrer den Weg. Das wiederum ist nicht untertrieben. Schneller geht es f├╝r normal trainierte Menschen kaum, deutlich langsamer dagegen leicht.



Sobald das sumpfige Gel├Ąnde am Fu├č der Berge passiert ist und die Baumgrenze hinter einem liegt, wandert man ├╝ber nackten Fels. Kleine Bergseen t├╝pfeln die Oberfl├Ąche - jeder Wasserspiegel liegt auf einer anderen H├Âhe, da die Teiche von Schmelz- und Regenwasser gespeist werden.



M├╝de Wanderer haben, wie ├╝berall auf der Welt, kleine Steinpyramiden am Wegesrand errichtet.



Der erste Blick in den Lysefjord. Bei strahlendem Sonnenschein reicht die Sicht bestimmt viel weiter. Aber dann hingen da nicht diese mystischen Wolken an den Bergh├Ąngen...



Hilfe, ist das hoch. Jetzt blo├č kein falscher Schritt...

Noch einmal um die Kurve, und das Ziel liegt vor uns: der Preikestolen, zu deutsch: Priesterkanzel ("Predigtstuhl"). Ein 25 mal 25 Meter gro├čes, fast rechteckiges Felskliff, dessen kantige Oberfl├Ąche 604 Meter hoch ├╝ber den Fjord ragt.



604 ziemlich senkrechte Meter.



Es ist nicht ├╝bertrieben zu sagen, dass dies einer der besseren Momente in meinem Leben ist.

W├Ąhrend wir uns auf der Plattform ausruhen und eine Aussicht genie├čen, f├╝r die Worte wie "grandios" und "spektakul├Ąr" in keiner Weise ausreichen, wird uns klar, was f├╝r ein Gl├╝ck wir mit dem Wetter hatten. Dank des regnerischen Auftakts sind au├čer uns sind kaum zehn weitere Wandersleut hier oben.

Doch als wir uns nach einer halben Stunde auf den R├╝ckweg machen, hat bereits ein reger Zulauf von Touristen eingesetzt. Im Lauf des zweist├╝ndigen R├╝ckmarschs schwillt er zu einem regelrechten Gedr├Ąnge an. P├Ąrchen, Eltern mit Babies, Senioren - die meisten davon in Stra├čenschuhen und ohne erkennbare Kondition. Wie wollen die es ├╝ber die Felsen schaffen? Wer hat denen erz├Ąhlt, es w├Ąre ein Spaziergang im Park?

Nach weiteren zwei Stunden - runter geht es fast noch langsamer als rauf - erreichen wir den Parkplatz am Beginn des Wanderweges. Er steht inzwischen vollgepackt mit Reisebussen, Wohnmobilen und Autos. Tja. Der Preikestolen ist nunmal eine von Norwegens bekanntesten Touristenattraktionen...

Von hier aus w├Ąre ich eigentlich direkt zur S├╝dk├╝ste aufgebrochen. Die Kanadierin ├╝berzeugt mich von einer Plan├Ąnderung: Es gibt eine Touristenf├Ąhre, die eine zweieinhalbst├╝ndige Aussichtsfahrt den rund 40 Kilometer langen Lysefjord hineinf├Ąhrt.

An dessen Ende wartet eine weitere Attraktion: der 1100 Meter hohe Kjerag, eine weitere senkrechte Felsformation. Von dessen Spitze ist als einem der wenigen Orte auf der Welt sogar Basejumping m├Âglich (und erlaubt), also Fallschirmspringen von festem Untergrund aus. Und es gibt einen Stein dort, einen ganz besonderen Stein: Den Kjeragbolt, eine 5 Meter gro├če Felskugel, die in einem Spalt eingeklemmt in einem Kilometer H├Âhe ├╝ber dem Fjord feststeckt. Wer den Mut dazu hat, kann sich draufstellen.

Das will ich sehen. Also packe ich meine Sachen aufs Motorrad und mache mich auf den Weg zum F├Ąhrhafen. Endlich habe ich mal genug Zeit: Ich verlasse die Preikestolen-Herberge gegen Viertel vor drei, die F├Ąhre geht erst um halb vier. Aber als ich um 15.15 Uhr in aller Seelenruhe an Bord rolle und das Schiff Sekunden sp├Ąter die Rampe hochf├Ąhrt und ausl├Ąuft, mache ich ein etwas dummes Gesicht. Offenbar habe ich die Leute in der Herberge falsch verstanden. Es war eine andere F├Ąhre, die um 15.30 Uhr ablegt. Gerade nochmal gut gegangen.



Wie gut es ging, stellt sich oben an Deck heraus. Was f├╝r ein Anblick! Wer jemals in seinem Leben die M├Âglichkeit hat, mit einem Schiff in einen Fjord zu fahren, sollte unbedingt "ja" sagen. Es ist ein fantastisches Erlebnis, auf dem Wasser zwischen senkrechten Felsw├Ąnden durchzugleiten. Wenn dann noch die Sonne scheint - - -



Der Kapit├Ąn bugsiert die F├Ąhre mit dem Bug in eine enge Schlucht am Nordufer. Hier sollen sich einst ein paar Landstreicher verschanzt haben. Als die Polizei hier landete, warfen die Fl├╝chtigen mit Steinen nach ihnen. Die Verfolger mussten aufgeben.



"Und hier einige besondere Freunde des Kapit├Ąns", kommt es aus den Lautsprechern. Tats├Ąchlich: Mitten am steilen Hang weiden einige Ziegen.



Der Preikestolen von unten. Sie sehen ihn nicht? Klicken Sie auf das Bild.



Aus dieser Perspektive wird verst├Ąndlich, warum er seinen Namen tr├Ągt.



Und da oben habe ich gestanden?



Einige Kilometer weiter st├Ąubt der Whisky-Wasserfall ├╝ber die Felswand ins Meer. Er tr├Ągt seinen Namen, weil w├Ąhrend des Ersten Weltkriegs ein desertierter deutscher Soldat namens Heinrich in den Bergen des Lysefjords eine illegale Whiskybrennerei unterhalten haben soll. Zwar wurde der Betrieb von den Beh├Ârden mehr oder weniger erfolgreich unterbunden, doch Reste von Heinrichs Vorr├Ąten sollen bis heute im Wasser enthalten sein.



Eine gute Gelegenheit, mit der Video-Funktion der Fuji herumzuspielen und den ersten zaghaften Schritt in die Welt der bewegten Bilder zu tun. Was noch fehlt, ist untertr├Ąglich liebliche Musik im Hintergrund.



Hinter jedem Felsvorsprung ├Âffnen sich neue Perspektiven. Eine sch├Âner als die andere.



Mitten im Fjord liegt am S├╝dufer die einzige menschliche Siedlung: ein Bauernhof, der von einer einzigen Familie bewirtschaftet wird. Eine Stra├čenanbindung gibt es nicht - nur mit dem Boot sind die H├Ąuser erreichbar. Ein gro├čes Trampolin im Garten scheint dem Nachwuchs der Familie Unterhaltung zu bieten. Aber vielleicht ist es auch ein traditionelles Familienrezept, mit dem die alten Bauersleute im Winter die Stimmung heben.



Erkennen Sie hier auch ein Herz? Oder ist das nur wieder der alte Romantiker in mir?



Jetzt f├Ąhrt die F├Ąhre so nahe ans S├╝dufer, wie es geht. Das Schiff hei├čt nach einer nahegelegenen Stadt "Strand". Ein billiger Kalauer dr├Ąngt sich auf, ob es jetzt stranden wird. Nein, wir sind auf Seehundsafari. Mehrere Dutzend der possierlichen Wassertierchen sollen im Fjord wohnen.

Einige der Passagiere schw├Âren Stein und Bein, sie h├Ątten zwei der schwarzen Gesellen beim Sonnenbaden gesehen. Mir geht es wie beim Fuchs am Gaustatoppen - als ich die Kamera angelegt habe, ist nichts mehr zu sehen.



Dann macht uns einer der Offiziere auf einen bestimmten Punkt oben in den Klippen aufmerksam. Die Klippen sind der Kjerag, und der Punkt da ganz oben an der Kante -



- ist der Kjeragbolt, der Kjerag-Keil. Auf diesen winzigen Fu├čball sollen sich Menschen stellen k├Ânnen?



Eine halbe Stunde sp├Ąter n├Ąhert sich die "Strand" dem Strand. Verzeihung, ich meinte nat├╝rlich: L├Ąuft die F├Ąhre den Kai von Lysebotn an. Au├čer dem Hafengeb├Ąude, einigen Kfz-Hallen, der Jugendherberge und einem Campingplatz besteht der Ort nur noch aus zwei oder drei Wohnh├Ąusern.



Sowie einer ├╝berraschenden Prise norwegischen Humors.

Dann ist der Fjord zu Ende - dahinter kommt nur noch Gebirge.



In der Herberge einchecken. Die Taschen vom Motorrad packen. Duschen. Etwas essen. Zur Ruhe kommen.

R├╝ckblick in den Fjord. Die Sonne geht unter. Es ist nicht ├╝bertrieben zu sagen, dass dies einer der besseren Tage in meinem Leben war.



Der Schreiber dieser Zeilen ist kein allzu religi├Âser Mensch. Aber in manchen Momenten ├╝berkommt ihn ein Gef├╝hl der Dankbarkeit, dass er solche Dinge sehen durfte.

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Wasserspiele
In was f├╝r eine tr├╝be Gegend bin ich hier geraten, habe ich in den letzten Tagen oft gedacht. Wenn der Blick aus dem Fenster der Redaktion mal wieder auf einen finstern Himmel fiel, der seine Schleusen ├╝ber Aachen ge├Âffnet hatte. Nun ist es nicht so,
Weblog: AZ/AN-Blog
Aufgenommen: Aug 10, 02:26

09.07.2008 11:37 Uhr
Bloggerin Edda kommentiert
Wieder einmal ein toller Bericht und herrliche Fotos. Ich bewundere Menschen, die auf dem 604 m hohen Felsen stehen und dies noch als "besseren Moment" im Leben bezeichnen. Den Mut h├Ątte ich nicht, mir wird schon schwindelig beim Betrachten des Bildes.
09.07.2008 12:26 Uhr
Marc Heckert kommentiert (Homepage)
Ich habe schon darauf geachtet, dem Abgrund nicht allzu nahe zu kommen, da ich eine gewisse Tendenz zur Tollpatschigkeit habe. Meine Reiseabschnittsgef├Ąhrtin hatte sogar die Nerven, sich an die Kante zu setzen und die Beine ├╝ber dem Nichts baumeln zu lassen. Da habe ich nicht mal hingucken k├Ânnen. Soviel zum Thema Mut... ;-)
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Kurs S├╝dwest: Angelockt von Printenduft und dem Ruf belgischen Kirschbieres, verirrte sich ein nordischer Fischkopf in die Kaiserstadt Aachen. Wie aus fl├╝chtiger Aff├Ąre wahre Liebe wurde, beschreibt er in diesem Blog.

Redakteur

Wahl-Aachener aus Leidenschaft. Noch mehr Leiden schafft allerdings des geb├╝rtigen Oldenburgers verh├Ąngnisvolle Schw├Ąche f├╝r m├╝rbes Altmetall auf R├Ądern.

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