Alterssimulationsanzug: In fünf Minuten 40 Jahre älter

Von: Leandra Kubiak
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Für dich um 40 Jahre gealtert: Leandra Kubiak. Foto: Stephan Kreutz

Aachen. Innerhalb von Minuten um Jahrzehnte altern? Der Alterssimulationsanzug „Gert“ soll das möglich machen. Wir haben ihn am Institut für Arbeitswissenschaft der RWTH Aachen getestet.

Mir steht der Schweiß auf der Stirn, die Atmung wird schneller, meine Arme hängen schwer herunter und ziehen an mir. Ich bin nicht etwa beim Sport, ich bin gerade lediglich ein paar Mal eine Treppe hoch- und wieder herunter gelaufen – und das, nachdem ich um 30 bis 40 Jahre gealtert bin. Zumindest theoretisch.

Auf dem Weg zum Institut für Arbeitswissenschaft der RWTH (IAW) ahne ich schon, dass das Experiment anstrengend werden könnte. Ich soll in einen Alterssimulationsanzug schlüpfen, der einen erahnen lässt, wie sich der Alltag im höheren Alter anfühlen muss.

„Der Anzug ist modular aufgebaut“, erklärt Peter Rasche, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAW. Man müsse sich also nicht einen kompletten, zusammenhängenden Anzug anziehen, sondern könne auch nur Teile davon ausprobieren. Auch die Größe sei variabel, da er mit Klettverschlüssen befestigt wird. Das habe den Vorteil, dass zum Beispiel auch Kinder den Anzug testen könnten, ohne dass er für sie zu schwer wird.

Mir hilft das leider wenig, denn für mich gibt es das volle Programm. Bevor es losgeht, schaue ich mir die Teile noch einmal genau an. Noch wird der Anzug von einer Schaufensterpuppe getragen. Peter Rasche und der stellvertretende Forschungsgruppenleiter Dr. Matthias Wille nehmen den Anzug Teil für Teil vom Modell ab und legen ihn auf einen Tisch. Die Einzelteile sind mit Gewichten gefüllt, rund 18 Kilogramm bringt der Anzug insgesamt auf die Waage.

Rasche und Wille helfen mir beim Anziehen, wir fangen bei den Füßen an. Meine eigenen Schuhe darf ich anbehalten, darüber kommt ein Schuh, der mir das Gleichgewicht nehmen soll. Um die Fußgelenke werden Gewichte gewickelt, um das Knie kommt eine Art Bandage.

„Die Bandagen sollen die Beweglichkeit der Gelenke einschränken“, erklärt Rasche. Das gleiche Prinzip wird auch an den Ellenbogen angewendet. Auch um die Handgelenke werden Gewichte angebracht. Schließlich kommt das „Herzstück“ des Anzugs: Eine Weste, die die Schultern herunterziehen und einen leichten Buckel entstehen lassen soll. Stolze 12 Kilo ist sie schwer.

Zum Abschluss bekomme ich nun noch eine Halskrause umgelegt. Auch sie soll meine Beweglichkeit einschränken. Dazu kommen eine Skibrille mit speziellem Glas und dicke Kopfhörer. Der Raum um mich herum ist nun in ein fieses gelb getaucht, mein Sichtfeld eingeschränkt und ich weiß nicht, wie laut ich sprechen soll, da ich mich ja selbst nur noch gedämpft höre.

Die ersten Schritte auf dem Flur des Instituts bekomme ich ganz gut hin. Spätestens, nachdem ich mehrmals eine Treppe Richtung Keller hinunter, und dann wieder hinaufgestiegen bin, spüre ich aber den Unterschied zu meinem „normalen“ Körpergefühl. Ganz schön anstrengend, 18 Kilogramm mehr mit sich herumzutragen. Auch der Griff zum Smartphone beweist: Mit Lederhandschuhen und Gewichten an den Handgelenken wischt es sich nicht ganz so flott über das Display.

Nach einer Stunde reicht es mir! Es ist warm unter dem Anzug und ich habe einfach nur noch das Bedürfnis, die Skibrille abzusetzen, und wieder normal zu hören.

Am IAW trägt der Anzug übrigens den Namen „Gert“ (das steht für Gerontologischer Testanzug). Das Institut forscht unter anderem im Bereich der Arbeitsplatzgestaltung und Medizintechnik, und hier kommt „Gert“ auch zum Einsatz. „Es wird natürlich nicht alles anhand des Anzugs getestet“, versichert Rasche. „Wir haben auch ältere Menschen als Probanden.“ Trotzdem könne ein solcher Anzug dabei helfen, einen zu sensibilisieren und sich besser in die Situation älterer Menschen hineinzuversetzen.

„Wir schauen uns in verschiedensten Berufsfeldern an, inwiefern Arbeitsplätze und Medizintechnik auch für Menschen über 60 Jahren noch geeignet sind“, sagt Rasche. Das Ziel ist, Produkte, Arbeitsplätze oder Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass sie auch für Menschen im höheren Alter noch angenehm nutzbar sind.

Bleibt die Frage nach dem Fazit: Fühlt man sich mit dem Anzug tatsächlich älter? Es erfordert mehr Kraft, Arme und Beine zu heben, man hört schlechter und ist mit seiner Kondition schneller am Ende.

Wenn man sich darauf einlässt, vermittelt der Anzug auf jeden Fall eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlen könnte, eingeschränkte Sinne und weniger Kraft und Ausdauer zu haben. Wären da nicht diese klobigen Teile, die einem eher das Gefühl geben, sich irgendwo zwischen Skiurlaub und Schießstand zu befinden...

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