Akre - Wohnzimmer mit Fernseher und Galgen

Wohnzimmer mit Fernseher und Galgen

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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256 Großfamilien mit insgesamt 1650 Personen leben heute in dem ehemaligen Foltergefängnis von Saddam Hussein im nordirakischen Akre. Foto: Manfred Kutsch

Akre. Qualvoll starben hier die Menschen, gedemütigt, entkräftet, gefoltert. Man mag nicht daran denken, wenn man ins Innere dieses zweigeschossigen beigen Flachbaus tritt, der sich im Rechteck vor der malerischen Kulisse einer kargen kurdischen Gebirgskette erstreckt. Ungläubig streift unser Blick über viele hundert Meter der Gebäudetrakte, die heute von Satellitenschüsseln und trocknender Wäsche geprägt sind.

Wir sind im einst berüchtigten Foltergefängnis von Saddam Hussein im nordirakischen Akre. „Hier waren kurdische Widerstandskämpfer kaserniert“, erklärt Mohamed Rekani, Dolmetscher unserer Zeitung, dessen Familie mit ihm zu diesen Zeiten nach Deutschland geflohen war (siehe auch Artikel unten). Heute dienen die einstigen Zellen und Todeskammern als letzte Zuflucht für syrische Flüchtlinge. Absurde Kriegswelt.

„256 Großfamilien mit insgesamt 1650 Personen leben hier“, berichtet Campmanager Hemen Hakmet. Eine schaurige Kulisse. Nicht alle Spuren der Vergangenheit sind beseitigt. Treppenhäuser wie Betonfratzen, aufgerissene, nasse Wände, aus denen rostige Nägel in Megalänge ragen, dunkle Kammern und schwere, zerkratzte Türen lassen erahnen, was hier geschah.

An einer der Zellenpforten klopfen wir. Eine junge Frau öffnet – und bittet uns lächelnd hinein. Wir betreten ihren Raum, durch eine Luke schimmert etwas Tageslicht. Zu Gast sind wir bei der 32-jährigen fünffachen Mutter Dalal. Nur Töchterchen Helim (4) ist zu Hause. Wir sehen Matratzen, ein Fernsehgerät, darauf einen Plüschteddy. An der Decke entdecken wir eine weiße Lampe, gleich daneben hängt: ein Galgen! Ungläubig blicken wir Dalal an. Die tief in der Decke verankerte Eisenschlaufe wirkt nicht hoch genug, um sich bei einer Hinrichtung das Genick gebrochen zu haben. Die Opfer in Dalals Wohnzimmer müssen erdrosselt worden sein.

„Ja, die Vergangenheit dieses Gebäudes ist schrecklich“, räumt die Bewohnerin ein. „Aber wir sind froh, dass wir ein Dach über dem Kopf haben.“ Fatalismus pur, die junge Frau weiß das: „Aber wir müssen uns auf das eigene Überleben konzentrieren“, sagt sie – und berichtet von ihrem Alltag, mit dem sie gar nicht so unzufrieden ist: „Mein Mann hat in der Stadt Arbeit in einer Restaurantküche und verdient dort 400 Dollar, meine fünf Kinder können dank Unicef zur Schule gehen.“

Gleich neben der früheren Internierungsstätte unterstützt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen eine Schule, auf der vormittags 350 arabisch-kurdische Kinder und nachmittags 450 irakische Binnenvertriebene unterrichtet werden. „Wir kommen klar“, sagt Dalal – und ergänzt sofort: „Natürlich wollen wir nach Hause. Aber das ist nicht möglich. Wenn du dort auf die Straße gehst, weißt du nicht, ob du wiederkommst.“ Die junge Frau schaut dabei so, als wolle sie sagen: „Dann schon lieber in einer früheren Knastzelle.“ Ja, Dalal lächelt.

„Vielleicht kommt der Tag, an dem unsere Träume und die Wirklichkeit zusammen geführt werden.“ Den sehnlichen Spruch hat jemand per Graffiti an die Außenmauer gemalt. Immerhin bietet der Gefängnishof in der Größe von rund anderthalb Fußballfeldern viel Raum für die Kinder, der Blick auf das Bergpanorama im Hintergrund ist aus dem ersten Stock frei. Keiner der früheren Insassen wird dafür ein Auge gehabt haben.

„Die syrischen Flüchtlinge sind in der Regel gut ausgebildet“, berichtet Hemen Hakmat, der Camp-manager. „Viele arbeiten im nahe gelegenen Einkaufszentrum oder für Nichtregierungsorganisationen. Sie können sich als Teil der Gemeinde fühlen.“ Hier, wo die Kurden – ihre Gastgeber – so viel Qual erlitten. Und sich die Syrer in deren Folterzellen wohlfühlen, weil sie hier sicher sind. Absurde nordirakische Kriegswelt.

Auf dem Rückweg begegnet uns aus einem anderen Trakt des einstigen Gefängnisses der neunjährige Murat. Er ist gerade völlig fasziniert von einer kleinen, blauen Kamera, die er von Unicef erhielt. Der Junge berichtet uns stolz von seinem neuesten Film, der einen Clown zeigt, der eine Rose verspeist und dann einen Knochen ausspuckt. Murat lacht. In seiner Welt ist alles denkbar. Wie für Dalals Kinder das Fernsehen unter einem Galgen.

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