Vom IS gezwungen, den eigenen Vater zu verraten

Von: Manfred Kutsch
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Geraubte Kindheit: Zwei Flüchtlingskinder im Lager Debaga 3. Foto: Manfred Kutsch
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Im Lager Debaga 3 in einem ehemaligen Fußballstadion treffen wir Abdullah (12). Er möchte sein Gesicht nicht zeigen. Sein Vater wurde vom IS ermordet, der Junge hat immer noch Angst. Foto: Manfred Kutsch

Debaga. Die Lebensgeschichten der IS-Vertriebenen von Mossul sind alle von persönlichem Beben gezeichnet. Manchmal hat sich dabei der Blick in Abgründe geöffnet, wie es Abdullah widerfahren ist. Den zwölfjährigen Jungen treffen wir in einem ehemaligen Fußballstadion, Teil des nordirakischen Großlagers Debaga 3, rund 40 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Die Kabinentrakte sind verfallen, die Tribünen marode, auf dem Spielfeld campieren rund 2000 Vertriebene.

Abdullah sitzt im zerrissenen grünen Shirt Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger gegenüber. Seine Beine baumeln unentwegt unter dem Stuhl hin und her. „Er ist hyperaktiv“, erklärt Sozialarbeiterin Zaynab Muhemed Omar, die sich um den Jungen kümmert. Er mag kaum aufschauen. In den Augen des Zwölfjährigen zeigt sich der ganze Schrecken des Krieges. Den beiden Frauen gelingt es mit viel Vorsicht, Kontakt zu dem rastlosen, zerbrechlich wirkenden Kind aufzubauen.

Sein Gesicht soll nicht in der Zeitung erkennbar sein. Abdullah hat Angst. Der Vater des Jungen war Polizist, als die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates im Juni 2014 das Dorf der Familie einnahmen. Mädchen durften nicht mehr zur Schule gehen, Jungen wurden in der Ideologie des IS zwangsgeschult und alle Mitglieder der einstigen Regierung ermordet.

Abdullahs Vater aber versteckte sich. Das Kind erzählt es nach und nach, leise, stockend. Sein Trauma: Es wurde vom IS gezwungen, den Aufenthaltsort des Vaters zu verraten. Nein, Abdullah wollte nichts preisgeben! Doch dann haben sie ihm gedroht, ihn umzubringen. Dem Vater wurde die Kehle durchschnitten…

Claudia Berger gelingt es, die Situation des Jungen zu erfassen: Seine Eltern lebten getrennt, der neue Mann seiner Mutter wollte ihn nicht. Auch die Tante im Camp möchte ihn nicht aufnehmen. Sie habe schließlich vier Töchter und sei damit ausgelastet. „Leider gibt es hier nur ein Zelt mit Schlafplätzen für alle 60 Jungen“, berichtet die Sozialarbeiterin nach der Begegnung mit Abdullah. „Er hat mir erzählt, dass er schon zweimal sexuell bedrängt wurde. Es muss hier einfach einen separaten Platz für die Jüngeren geben. Sie müssen vor den Älteren geschützt werden.“

Das ist – zumindest stundenweise – in den kinderfreundlichen Unicef-Zonen des Lagers bereits gegeben. 15 Erzieher und Sozialarbeiter kümmern sich ab 9 Uhr morgens um die Kinder. 700 bis 800 sind es täglich. „Sie kommen in verschiedenen Schichten zu uns, jeweils nach Altersgruppen unterteilt. Für anderthalb Stunden können die Mädchen und Jungen sich in den vier verschiedenen Zelten beschäftigen und wieder Kind sein“, sagt Anja Smouid, Mitarbeiterin des Hilfswerkes terre des hommes, das an dem Projekt mitwirkt.

Die Zelte sind entsprechend ihrer Angebote aufgeteilt: Hier eines für künstlerische Aktivitäten, dort eines für Kino mit lustigen Cartoons, hier ein Spielzelt, dort eines für informellen Unterricht.

„Es ist so wichtig, dass es diese Orte in den Lagern gibt“, empfindet auch Unicef-Botschafterin Eva Padberg, die uns zwei Tage begleitet. „Der eintönige Alltag im Camp, die grausame Vergangenheit, das persönlich Erlebte, die Unsicherheit für die Zukunft – wenn sich niemand um diese Kinder kümmert, haben sie kaum eine Chance, zu einem gesunden und glücklichen Menschen heranzuwachsen“, so das internationale Star-Model.

Abdullah ist gerade in ihrer Nähe. Er macht sich bemerkbar, will etwas sagen. Er möchte jetzt die Antwort auf die Frage geben, ob er Wünsche habe. Der Junge sagt: „Am meisten wünsche ich mir, in die Schule zu gehen. Und danach ein Fahrrad.“ Seine Worte wirken wie ein Schritt zurück ins Leben.

Lesen Sie die nächste Folge unserer Unicef-Serie „Kinder auf der Flucht – Wir helfen vor Ort“ am Dienstag, 22. November.

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