Malakal - Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Wenn Kinder im Krieg verloren gehen

Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Wenn Kinder im Krieg verloren gehen

Von: Manfred Kutsch
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Familienzusammenführung: Die Mutter hat ihre Söhne Andrew (10, l.) und Emmanuel (12) an der Hand. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Autowracks gehören zum Alltagsbild von Malakal, der Hauptstadt des ölreichen Bundesstaates Upper Nile im Südsudan. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Was hat dieser Junge wohl hinter sich? William, 16 Jahre alt, musste als Kindersoldat kämpfen. Foto: Silke Fock-Kutsch

Malakal. Drei Jahre sind sie in den Wirren dieses Krieges auf sich alleine gestellt. Ohne Eltern, ohne Versorgung, von der Familie getrennt. Ein Schicksal, das die Brüder Emmanuel (12) und Andrew (10) mit rund 16.000 unbegleiteten Kindern im Südsudan teilen.

Für die beiden endete die Odyssee kürzlich in den Armen ihrer aufgewühlten Mutter: „Mein Verstand hatte mir gesagt, dass sie tot sein müssen, aber mein Herz sagte mir, dass sie noch leben. Ich habe nie aufgehört zu fragen“, berichtet die 34-jährige Martha in ihrem dunklen Wellblechverschlag im Flüchtlingslager des nördlichen Kriegsschauplatzes Malakal.

Immer noch ungläubig fixiert die Frau ihre Söhne, deren strahlende Augen matt werden, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. „Ich weiß nicht, was die Jungen in diesen Jahren erleben mussten. Sie erzählen wenig, Andrew gar nichts“, sagt die Mutter leise. Ja, der Jüngere habe sie sogar „am Anfang kaum erkannt“. In der Tat wirkt der Zehnjährige gezeichnet, seine Bewegungen sind verlangsamt, die Stimme leise.

Außer Kontrolle

Es war im Frühjahr 2014, als Martha im heimischen Bentiu aufgebrochen war, um Verwandte im 250 Kilometer entfernten Malakal zu besuchen. Eine Zeit, in der der Kampf um Macht und Ressourcen zwischen Präsident Salva Kijr, einem Dinka, und seinem einstigen Vize Rick Machar, einem Nuer, völlig außer Kontrolle geraten war. Präsidentenarmee und Rebellenmilizen schienen sich an menschenverachtender Gewalt übertreffen zu wollen und zertrampelten das zarte Pflänzchen Hoffnung auf Demokratie. Zudem zerstörten sie ein erhofftes christlich geprägtes Bollwerk – gegen den muslimischen Norden des Sudan unter Präsident Omar al-Bashir, der vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht wird.

Mehr als 50.000 Menschen wurden in diesem Krieg seit 2013 getötet, vier Millionen Menschen in die Flucht geschlagen. Und Marthas auseinandergerissene Familie war mittendrin. „Ich kam nicht mehr zurück nach Bentiu, ich saß fest“, erinnert sich die Mutter, deren Knoten im bunten Kleid an der rechten Schulter signalisiert, dass sie verheiratet ist. Was ist mit ihrem Mann Patrick? „Zwischendurch muss er wohl in Bentiu mit den Kindern geflohen sein, dann wurden sie getrennt“, berichtet die Mutter eine Version, die sie auch nur vom Hörensagen kennt. „Eine Kommunikation war nicht möglich. Es gab auch kein Mobilfunknetz. 2016 erzählte mir jemand, er habe die Kinder gesehen.“ Martha schüttelt stumm und ungläubig den Kopf, als könne sie es immer noch nicht realisieren, dass ihre letzte Verzweiflungstat zum Erfolg geführt hatte.

„Mit wenig Hoffnungen habe ich dann eine offizielle Vermisstenanzeige gestellt, weil ich wusste, dass Unicef mit anderen Organisationen unbegleitete Kinder sucht“, sagt Martha. Ein Jahr später erreicht sie die unglaubliche Nachricht, nachdem der Unicef-Partner InterSOS in der Fahndung erfolgreich gewesen war. „Wir haben die Kinder gefunden, sie waren in einem Camp in der Region Bentiu, der Vater war nicht bei ihnen, er ist vermutlich im Krieg“, konnte Unicef-Mitarbeiter Michel Charley (54) der Mutter die Situation schildern. Heute sagt er: „Das sind die Momente, weshalb ich diesen Beruf ausübe. Die Freude bei Familienzusammenführungen ist einfach unbeschreiblich.“

Unicef brachte die Söhne mit dem Flugzeug zu ihrer Mutter und alle fielen sich bei der Ankunft spätnachmittags im strömenden Regen in die Arme. Die Mutter wird es nie vergessen: „Mein Herz schlug wie wild, was für Gefühle! Die Kinder waren so groß geworden – und so abgemagert!“ Inzwischen gab es auch Kontakt zu ihrem Ehemann Patrick: „Er will sich bei der nächsten Gelegenheit zu uns durchschlagen“, sagt Martha, die heute eine Wäscherei für die britische Armee leitet.

Wie waren die ersten Tage mit den Kindern? Wie hat sie ihre Freude herausgelassen? „Viele meiner Nachbarinnen kenne ich aus einer Frauengruppe der Kirche, wir haben mit Emmanuel und Andrew gebetet, gekocht und ein großes Fest gefeiert“, lacht sie. Und lässt andere daran teilhaben – auch in der Dunkelheit ihrer Behausung kämpft sie um das Schöne: drei hellrote Plastikrosen auf einer Ablage über der mit den Kindern gemeinsam genutzten Matratze zeugen davon.

Die Kinder schweigen

Die größte Last, die sie zu tragen hat, ist die Ungewissheit: Was haben die Jungen erlebt? Wurden sie versklavt, missbraucht? „Emmanuel hat mir erzählt, dass er viel Fahrrad fahren musste, um Lebensmittel zu besorgen“, zuckt Martha mit den Schultern, als wolle sie sagen: „Das macht mich auch nicht klüger.“ Die Kinder schweigen.

Militärisch sind im Südsudan nicht nur Briten, Amerikaner und Chinesen , sondern vor allem auch Ruander präsent. Insgesamt zählt die UN-Friedensmission Unmiss 7000 Köpfe. Ein paar Hundert von ihnen sind hier in einem Containerdorf untergebracht, das gleichzeitig ein benachbartes Flüchtlingslager mit 23.000 Bewohnern schützt. Die aktuellen Aufgaben der Blauhelmmission liegen aber nicht nur im Schutz der Zivilbevölkerung, sondern auch in der Beobachtung der Menschenrechtssituation sowie in der Sicherung des Zugangs humanitärer Hilfe.

Das zehn Kilometer vom Lager entfernt liegende Malakal, Hauptstadt des ölreichen Bundesstaates Upper Nile, gilt als besonders heftig umkämpft. Wechselseitig eroberten Regierung und Rebellen das Gebiet, das entsprechend gezeichnet ist. Autowracks, ein zerstörtes Krankenhaus, zerschossene Fassaden, ausgebrannte Wohnungen – die Spuren des Krieges sind so omnipräsent wie die seelischen Leiden der Menschen, die in diesem abgelegenen Gebiet nichts als ihr Leben bewahren können.

Immer noch halten die Kämpfe an. Und zu Recht sagt UN-Generalsekretär Antonio Guterres: „Gräueltaten bleiben ungestraft. Die Regierung zeigt keinerlei Besorgnis über die Krise und den Hungertod.“ Ganz zu schweigen vom weltweit vergleichsweise größten Einsatz von 19.000 Kindersoldaten. Unicef gelang es, die Freigabe von einem Zehntel auszuhandeln.

Böse Falle

Einer von ihnen ist William (Name geändert), 16 Jahre alt. Wenn wir es richtig aus seiner Geschichte heraushören, dann tappte er vor drei Jahren in eine böse Falle. „Wir sind überfallen worden, und meine Mutter geriet in die Hände der Rebellen“, sagt William, der eine Stunde lang jeden Blickkontakt mit uns meidet und wie gelähmt wirkt. Uns stellt sich eine ähnliche Frage wie bei Emmanuel und Andrew: Was hat dieser Junge wohl hinter sich?

Wir sitzen an einem geschützten Ort, in einem von Unicef betriebenen Gemeinschaftsraum, den William kennt. Er verschränkt schützend die Hände vor der Brust, hat den Kopf gesenkt, bleibt regungslos. Der Junge ist in Anwesenheit des ihm vertrauten Betreuers mit dem Gespräch einverstanden, zieht sich aber ängstlich wie eine Schildkröte in ihren Panzer zurück. Wir versichern ihm, ihn öffentlich unkenntlich zu machen. Ihm einen anderen Namen zu geben. Es gibt Cola, ein paar Kekse. Und das Versprechen: Du kannst uns vertrauen.

Vorsichtig tasten wir uns in sein zerstörtes Leben heran und machen einen Umweg über den Fußball, seinen Lieblingsverein Real Madrid und sein großes Idol Sergio Ramos. Wo guckst Du Fußball, William? „Auf dem Marktplatz ist oft ein Fernseher bei wichtigen Spielen“, sagt er. Und was ist mit Bayern München? Der Kindersoldat schaut uns tatsächlich an, als hätten wir ihn auf den Arm nehmen wollen! Wie wundersam, es kommt zum Hauch eines Lächelns. Danke, Fußball!

Mit seinen Freunden würde er immer wieder auch selber spielen, berichtet William stolz. Wir fragen ihn, ob er denen auch von seiner Zeit bei der Armee erzählt habe. Und damit ist das Eis gebrochen. „Ja, das habe ich. Ich habe sie gewarnt, so etwas auch zu machen“, flüstert er. Was ist passiert, William?

Der Junge erzählt dann so konzentriert, als würde er sich selber zuhören: „Der Commander der Armee hat mir nach dem Überfall auf mein Elternhaus gesagt, ich könne meine Mutter befreien – wenn ich bei ihm mitkämpfen würde!“ Und dann erzählt er von seinem jahrelangen Leben unter freiem Himmel, im Fokus der Kämpfe, nachts auf Patrouille, gnadenlosem Drill ausgesetzt: „Bestrafungen mit Schlägen fanden zur Abschreckung grundsätzlich in aller Öffentlichkeit statt.“

William behauptet, „nicht selber gekämpft zu haben“. Es würde den meisten Berichten von Kindersoldaten widersprechen. Aber Verdrängung kann für Betroffene auch eine Überlebensstrategie sein.

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