Juba - Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Ein Häuflein Leben in einem gnadenlosen Krieg

Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Ein Häuflein Leben in einem gnadenlosen Krieg

Von: Manfred Kutsch
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Bangen um Maria bei der 25. Unicef-Projektreise von Manfred und Silke Kutsch für unsere Zeitung: Das zweieinhalbjährige, schwer mangelernährte Mädchen wiegt nur noch 5,6 Kilo, ist völlig entkräftet. Mutter Augustina hat es nach vielen Stunden Fußmarsch bei Juba in die Fürsorge von Unicef geschafft. Foto: Angela Griep
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Ein Sonntag im POC-Flüchtlingslager der Hauptstadt Juba: Frauen ziehen nach einem Regenguss mit Stühlen zum Gottesdienst. Foto: Silke Fock-Kutsch

Juba. Marias Augen blicken ins Leere. Abgemagert liegt sie in Augustinas Schoß – und spürt in ihren vielleicht letzten Stunden Mamas streichelnde Fingerkuppen auf der schweißnassen Stirn. Zweieinhalb Jahre ist sie alt, Arme und Beine dünn wie Streichhölzer. Sie wiegt nur noch 5,6 Kilo, normal wären zwölf Kilo, mindestens.

Nur das Wimmern anderer Mädchen und Jungen und das monotone Rattern des Generators durchbrechen die Stille an Marias Krankenbett. Kann die schwer mangelernährte Kleine überleben? Oder wird sie eines von zehn neugeborenen Kindern sein, die unter den Kriegsbedingungen des Südsudan keine fünf Jahre alt werden?

Maria ist in Blütenweiß gehüllt, das Kleid, die Kopfhaube lassen sie engelhaft wirken, als sei sie für den nahenden Tod von der Mutter festlich gekleidet worden. Die 20-Jährige verfolgt jede Bewegung ihrer Tochter mit mattem Blick: „Am Ende hat sie zu Hause nichts mehr zu sich genommen und nur noch ausgeschieden, da habe ich sie dann angezogen und mich aufgemacht“, sagt Augustina, während Maria neben ihr entkräftet wieder einschläft.

Bange Zeit im „Stabilisation Center“ des Krankenhauses Al Shabaah, der einzigen Kinderklinik des Landes, hier in der Hauptstadt Juba. Wo sieben Kinderärzte, acht ausgebildete und 44 freiwillige Krankenschwestern mit acht Laboranten täglich tausende Hilfesuchende behandeln – und das ohne jede verlässliche Bezahlung. „Seit Monaten haben wir von der Regierung kein Geld mehr bekommen“, sagt Exekutiv-Direktor Dr. Felix Nyunggura.

Schulterzucken und Fingerzeig

Unseren fragenden Blick beantwortet der Arzt mit Schulterzucken und einem Fingerzeig auf die leidenden Kinder. Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, begegnet hier der Hungerkrise mit dem Bau einer Krankenstation für schwere Fälle wie Maria, beschafft Untersuchungsgeräte, Impfstoffe, Medikamente, Wassertanks und die Erdnusspaste Plumpynut, mit der weltweit große Erfolge im Kampf gegen die Kindersterblichkeit erzielt werden. „Aus dieser Unterstützung schöpfen wir alle die Kraft für unsere Arbeit“, sagt Nyunggera.

Bei 35 bis 40 Grad Außentemperatur mit hoher Luftfeuchtigkeit in der jetzigen Regenzeit campieren im Außengelände des Hospitals Hunderte Menschen unter freiem Himmel, zwischen Schatten spendenden Dattelpalmen und Mangobäumen. Sie alle wollen ihren erkrankten Angehörigen nahe sein. „Abgesehen von Unterernährung haben wir es zumeist mit Malaria, Lungenentzündungen und Cholera zu tun“, sagt der Direktor.

Weiterfahrt. Und Abschied von Maria. Für immer? Ein junger Arzt zwickt ihr in den rechten Oberarm, die Kleine zuckt kurz, öffnet aber nicht die Augen. Immerhin hat Maria vorhin aus der Hand der Mutter erstmals ein paar Tropfen therapeutische Milch zu sich genommen hat. Und trotzdem. Noch lange wird sie nicht soweit sein, die „Zauberpaste“ Plumpynut zu sich nehmen zu können – es bleiben zwei, drei schwere Tage für den ausgemergelten Körper. Wir werden am Ende der Projektreise nach ihr schauen.

Derweil sind wir rund um die Hauptstadt Juba und den nördlichen Kriegsschauplatz Malakal im Auto unterwegs. Das bedeutet: Schlaglöcher ohne Ende, Kontrollen an Checkpoints und ständig angespannte Wachsamkeit, was draußen passiert. Ohnehin haben wir trotz Journalisten-Akkreditierung der Regierung keine Fotoerlaubnis in der Öffentlichkeit. Auch und vor allem nicht aus dem Wagenfenster heraus. Größere Distanzen müssen wegen fehlender Straßenstruktur in Kleinflieger oder Hubschrauber überwunden werden. Im „Terminal“ des Hauptstadt-Airports drängeln sich unter verrußten Spitzzelten Hunderte Passagiere, stehen auf schwankenden, morschen Paletten, die auf dem knöcheltiefen Matsch liegen. Ratten huschen umher. Alle kämpfen in der nassen Hitze mit ungezählten Koffern und der Bürokratie, halten jede Menge Dokumente und Stempel in den Händen, die von grimmig dreinblickenden, arroganten Beamten geprüft werden.

Einer von ihnen führt unsere Begleiterin Kerstin Bücker, Mitglied der Geschäftsführung von Unicef Deutschland, in ein fensterloses, kleines Büro, wo sie eine halbe Stunde befragt wird. Ein Stempel fehlt. Neben dem Ticket sind zwar alle Papiere vorhanden, aber der Mann ist für Argumente nicht zugänglich. Dass die Unicef-Mitarbeiterin Hilfsgüter ihrer Organisation für unversorgte Kinder seines Volkes in unerreichbares Sumpfgebiet begleiten soll? Er antwortet mit einem Achselzucken. Dass Bücker mit VIP-Status einer UN-Organisation eingereist sei? Ein müdes Lächeln. Am Ende fliegen wir ohne die deutsche Mitstreiterin.

Ein trauriger Rekord

Die Szene am Flughafen ist symbolisch für die Situation im ganzen Land, wo die Allgegenwart von Staat und Rebellen ein Klima von Angst und Korruption erzeugt und die auf sich gestellte Zivilbevölkerung zwischen Armut und Vertreibung aufgerieben wird. Zudem gebührt dem von der Welt vergessene Krieg ein trauriger Rekord. In keinem anderen Konflikt kämpfen so viele Kindersoldaten, Unicef spricht von 19.000.

Wahnsinn Südsudan. Von der Staatsgründung 2011 an trieb die Regierung Landdeals mit ausländischen Investoren voran, die nach Angaben der Hilfsorganisation „Norwegians Peoples Aid“ auf mehr als 2,6 Millionen Hektar die Agrar- und Forstwirtschaft mechanisieren und etwa Biotreibstoff produzieren. Die Erzeugnisse werden exportiert, zum Beispiel in die Golfstaaten. Kleinbauern und Viehhirten wurden in den Jahren zuvor gewaltsam vertrieben. Die norwegischen NGO´s kennen das auch aus ölreichen Gebieten, wo die Dörfler Pufferzonen entlang von Pipelines weichen müssen.

Krieg und Korruption haben vier Millionen Menschen im Südsudan fliehen lassen. Die Hälfte kam in Nachbarstaaten – allem voran Uganda – unter. Die Stärksten unter ihnen wollen nach Europa oder Kanada weiterkommen. Die Anderen wandern innerhalb ihres Heimatlandes zwischen Savannen und tropischen Regenwäldern bis in die südlichen Gebirge umher. Oder sie landen in einem der POC-Camps (Protection of Civilians), Flüchtlingslagern, die von den Blauhelmen der UN-Friedensmission geschützt werden – eine gleichförmige Ansammlung staubigen Elends aus Wellblech, Planen, Stoffen und Holzteilen. Daneben „Camp-Promenaden“ mit Verkaufsständen und Trampelpfaden, die sich in Schlammpisten verwandeln, wenn der Regen einsetzt.

Geflohen sind diese Menschen vor Plünderungen, Menschenrechtsverletzungen und Machetenhieben, doch für ihre Sicherheit zahlen sie einen hohen Preis: „Wir kommen hier nicht raus. Wohin auch?“, fragt die 36-jährige Gabriela, die mit ihren drei Kindern (18, 16 und 13 Jahre alt) aus der umkämpften Ölregion Upper Nile nach Juba floh, wo sie mit 30 000 anderen Schutz hinter meterhohen Zäunen findet: „Wir erreichten dieses sichere Ziel mit einem ganzen Tross aus unserem Dorf, aber niemand weiß, ob wir jemals wieder hier herauskommen“, sagt sie. Ja, für sauberes Trinkwasser und gesundheitliche Versorgung im Lager sei sie dankbar, aber: „Die Tage fühlen sich an wie in einem Gefängnis.“ Ihr Leben ist gerettet.

Viel mehr blieb ihr nicht.

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