Malakal - Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Ein Besuch im Flüchtlingslager Malakal

Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Ein Besuch im Flüchtlingslager Malakal

Von: Kerstin Bücker
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Ein Stück Sicherheit im Südsudan: In einem speziellen Zelt im Flüchtlingslager in Malakal können sich Mädchen nach der Schule gemeinsam ausruhen oder Handarbeiten erlernen. Foto: Silke Fock-Kutsch

Malakal. „Ich habe davon geträumt, wie Menschen umgebracht werden. Die Bilder sind kaum noch aus meinem Kopf gegangen.“ Die zwölfjährige Rebecca Vananci lebt im Südsudan und spricht ganz leise, wenn sie an die Zeit vor drei Jahren zurückdenkt. Die Kämpfe in ihrer Heimat im Bundesstaat Eastern Equatoria waren so schlimm geworden, dass ihre Familie die Flucht ergreifen musste.

Schließlich erreichten sie das Flüchtlingslager von Malakal, ganz im Norden des Landes. Hier lernten Rebecca und ihre drei Geschwister erstmals wieder, wie sich Sicherheit anfühlt.

Insgesamt haben rund 24.000 Menschen hier Zuflucht gefunden. Ihr Leben konnten sie retten aber ihre Hütten gingen in Flammen auf, ihre Felder wurden zerstört und all ihr Besitz ging verloren. Es gibt kaum eine Familie in dem Flüchtlingslager, die nicht um verlorene Angehörige trauert. Bei vielen fehlt der Vater oder ein älterer Bruder. Angehörige, Nachbarn und Freunde starben bei Luftangriffen und Überfällen.

Wir treffen Rebecca in einem Zelt, das Unicef speziell für die Mädchen im Flüchtlingslager eingerichtet hat. In diesem sogenannten kinderfreundlichen Ort treffen sie sich jeden Tag nach der Schule, singen, lernen verschiedene Handarbeiten und tauschen sich untereinander und mit ihren Betreuerinnen aus.

Allein 2017 hat Unicef landesweit rund 200.000 Kinder mit Spiel- und Betreuungsangeboten erreicht. Für Mädchen wie Rebecca ist das Zelt ein wichtiger Ort, um zur Ruhe zu kommen. Gemeinsam mit ihren Freundinnen sitzt sie auf dem Zeltboden und spricht darüber, dass viele Kinder keine Schuhe für die Schule haben. Das Essen ist immer zu knapp. Viele Kinder wachsen ohne Vater auf, die Mütter sind oft traurig oder verzweifelt. In dem Zelt finden die Mädchen Ablenkung vom Alltag. „Langsam hören die Alpträume auf“, sagt Rebecca. Auch die beiden Teenager Nada (19) und Dhiba (16) kommen regelmäßig her, spielen und lernen mit den jüngeren Kindern. Die Betreuerinnen bringen den Mädchen das Häkeln bei. Mit ihren selbstgemachten Mützen und Pullover wollen sie einen kleinen Basar organisieren.

Die Kinder besuchen auch eine Schule. Rebeccas Lieblingsfach ist Englisch, und weil sie lange Zeit nicht lernen konnte, holt sie den verpassten Stoff nun nach.

Austausch und Zuversicht

Schmerz und Verlust gemeinsam tragen, wieder nach vorne schauen – das ist auch für die erwachsenen Frauen im Flüchtlingslager der Grund, sich regelmäßig in einem Frauenzelt zu treffen und sich auszutauschen. Auch Rebeccas Mutter nutzt das Angebot. „Unsere Häuser sind zerstört. Aber hier bekommen wir Hilfe, und wir fühlen uns besser und stärker“, sagt eine Frau. „Hier sind wir endlich wieder Menschen“, sagt die zweite. Mühsam steht eine ältere Frau auf, die sich auf einen Stock stützt: „Wir wollen all das Schlimme hinter uns lassen – wir wollen Frieden!“ Die anderen nicken zustimmend.

Der Krieg trifft die Frauen und Mädchen besonders hart. Viele Mädchen werden früh verheiratet. Besonders auf dem Land gibt es für sie oft keine Schulen. Im Südsudan besucht nur etwa jedes dritte Kind den Unterricht – bei den Mädchen sind es noch weniger. Je ärmer die Familie, desto geringer die Chance, dass das Kind die Schule besuchen kann.

Der bewaffnete Konflikt im Land bringt Mädchen und Frauen besonders in Gefahr: Eine Befragung in Flüchtlingscamps in der Hauptstadt Juba ergab, dass 70 Prozent der Frauen während des Kriegs oder auf der Flucht vergewaltigt worden – oft mit brutaler Gewalt und von mehreren Männern.

Sexueller Missbrauch wird im Südsudan als Kriegsstrategie eingesetzt. Betroffene Frauen leiden nicht nur unter den körperlichen und seelischen Verletzungen der Vergewaltigung, sondern werden als Konsequenz auch von der Familie verstoßen. Oft werden sie von ihren Vergewaltigern schwanger. Die Gefahr einer möglichen Vergewaltigung schränkt die Bewegungsfreiheit der Frauen stark ein. Sie verlassen das Lager nur in Gruppen, da schon bei dem Sammeln von Feuerholz in den umliegenden Wäldern drohen Überfälle und Vergewaltigungen.

Hilfe für Mädchen und Frauen

Um Mädchen und Frauen zu schützen, arbeitet Unicef im ganzen Südsudan mit lokalen Kinderschutzorganisationen, Müttergruppen und Gemeinden zusammen. Sie betreuen Kinder wie Rebecca und richten Schutzräume ein. Unicef schult Betreuer und medizinisches Personal, damit vergewaltigte Frauen medizinische und psychosoziale Hilfe erhalten.

Mit Hilfe dieses landesweiten Partnernetzwerks ist es auch möglich, Kinder wieder mit ihren Familien zu vereinen, die auf der Flucht getrennt wurden. In Malakal und vielen anderen Flüchtlingslagern hilft Unicef dabei, die Kinder zu registrieren. Lokale Betreuer suchen dann mit Fotos und Datenbanken nach lebenden Angehörigen. In einem Land, in dem es kaum Straßen und oft weder Strom- noch Telefonverbindung gibt, ist das eine große Herausforderung. Doch 2017 ist es gelungen, über 5000 vermisste Mädchen und Jungen zurück nach Hause zu bringen. Für die Helfer ist jeder Schritt ein Schritt nach vorn: „Jeden Tag sehe ich, dass sich unser Einsatz lohnt“, sagt Michael Charley, Unicef-Kinderschutzexperte in Malakal.

Kerstin Bücker ist Mitglied der Geschäftsführung von Unicef-Deutschland und begleitete Silke und Manfred Kutsch bei der Projektreise.

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