Malakal - Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Das Bangen um den kleinen Nyasunday

Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Das Bangen um den kleinen Nyasunday

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
15782441.jpg
Entkräftet liegt der zweijährige Nyasunday im Schoß seiner Mutter Margret, der Bauch ist durch Wasserablagerungen aufgebläht.
15782428.jpg
In der Gesundheitsstation des Unicef-Partners IMC kann dem Jungen geholfen werden. Er wird vermessen...
15782431.jpg
...gewogen...
15782440.jpg
...er nuckelt an dem Tütchen mit der therapeutischen Leckerei, trinkt auch wieder...
15780672.jpg
...und wird mit der vitaminreichen Erdnusspaste Plumpynut versorgt.
15780707.jpg
Nyasundays zwölfjähriger Bruder Dilek trägt den Kleinen auf dem Arm in die Krankenstation und auch wieder zurück ins Flüchtlingslager.

Malakal. Als hätte ihr das Leben nicht schon genug zugemutet. Erst die Kinderlähmung mit elf Jahren, der sie schutzlos ausgeliefert war. Dann die Flucht mit ihren fünf Kindern, nachdem Rebellenmilizen ihr Dorf geplündert, den Ehemann John (47) gefoltert und ermordet hatten. Und jetzt droht Margret John, dieser schicksalgeprüften Frau, auch noch der Tod ihres jüngsten Sohnes.

Entkräftet liegt der zweijährige, schwer mangelernährte Nyasunday in ihrem Schoß, der Bauch ist durch Wasserablagerungen aufgebläht, verursacht von einer Vergrößerung der Leber. Das Kind wimmert, auch seine Haut ist schuppig, zeigt typische Veränderungen. „Er hatte die ganze Zeit Durchfälle und schlimme Blähungen“, berichtet die junge Mutter in ihrem nur spärlich vom Tageslicht erfassten Zelt, das auf purem Erdboden mit Bastmatten ausgelegt ist. Wenn es regnet, steigt die Familie auf Kisten, die sie vom Matsch trennen.

Vor den Gräueltaten sicher

Aber: Hier, im 24000-köpfigen Flüchtlingslager der Kriegsstadt Malakal, sind Margret und ihre fünf Kinder vor den Gräueltaten sicher, die den Krieg im Südsudan prägen. Unicef-Mitarbeiter Michael Charley blickt besorgt auf den apathisch wirkenden Nyasunday. „Wir müssen los, sofort“, drängt er: „Wir sollten keine Zeit verlieren.“ Gemeinsam brechen wir mit der Familie in die etwa einen Kilometer entfernt liegende Gesundheitsstation des Unicef-Partners IMC auf.

Die Mutter hebt Nyasunday ihrem zwölfjährigen Sohn Dilek in die Arme, greift nach einem Stock und steht mühsam auf. Erst jetzt wird deutlich, wie beschwerlich sich Margret seit ihrer Polio-Erkrankung durchs Leben kämpft – sie zieht ihr rechtes Bein nach, der Fuß kann kaum den Boden berühren. Im mühsamen Einklang mit dem Stock schafft sie es mit extremen Verrenkungen, voranzukommen. Links und rechts der Wege durchs Camp kommen spöttische Rufe: „Das bin ich gewöhnt, das kenne ich von Kindheit an“, sagt die tapfere Frau über ihre Stigmatisierung.

Eine Infektion wäre tödlich

Wir laufen in stechendem Sonnenschein und bei feuchter Hitze von 40 Grad an einem Rinnsal entlang, in dem Kinder spielen, vorbei an Behausungen aus Wellblech, Latten oder Planen, aus denen lautstark Musik dröhnt. Wortlos schleppt Dilek seinen kleinen Bruder, während sich die Mutter schweißtreibend vorwärts bewegt. Nach 20 Minuten erreichen wir die Baracken des IMC-Centers, das von Unicef unter anderem mit Zusatznahrung, Waagen und Maßbändern versorgt wird.

Esther Vincent, Ernährungsexpertin beim Kinderhilfswerk, verfolgt Nyasundays Untersuchung und lauscht gleichzeitig den Berichten der besorgten Mutter: „Es hat damit angefangen, dass er nach jeder Verdauung schreien musste, er hatte wohl Krämpfe. Dann wurde es etwas besser, aber dann kamen der Durchfall und die Blähungen.“ Ein geschwächter Kinderkörper, ohne Immunkräfte, im Dreck einer Hütte lebend, hat bei einer Infektion ohne Hilfe keine Chance mehr.

Das Maßband um Nyasundays Oberarm zeigt keine elf Zentimeter Umfang an, klares Signal: akuter Handlungsbedarf! Der Kleine wird gewogen, gemessen und umgehend mit der vitaminreichen Erdnusspaste Plumpynut versorgt, mit der Unicef weltweit die Kindersterblichkeit senken konnte. Jedes Päckchen davon enthält 500 Kilokalorien und viele zugesetzte Nährstoffe. Die Kost ist auch für empfindliche und vom Hunger ausgezehrte Kindermägen gut verträglich.

Therapeutische Leckerei

Und tatsächlich: Nyasunday nuckelt interessiert an dem Tütchen und findet erkennbar Gefallen an der therapeutischen Leckerei. „Das kriegen wir wieder hin“, beruhigt Esther die junge Mutter. Bevor Dilek seinen kleinen Bruder wieder nach Hause tragen kann, bekommt das Kind auch Antibiotika, um der Gefahr einer oft tödlichen Atemwegserkrankung vorzubeugen. Zusätzlich erhält Margret zehn Tütchen Plympynut für daheim. Die größten Risiken sind damit gebannt, erfreulich auch der Appetit des Jungen.

Freilich lassen wir weitere rund 20 Kinder zurück, einige von ihnen sind apathisch, andere weinen. Alltag im Hungergebiet Südsudan, wo das Welternährungswerk der UN (WFP) zwar 4,2 Millionen Menschen mit dem stets verfügbaren Sorghum versorgt. Doch die trockenresistenten Hirsen alleine sorgen für keine ausgewogene Ernährung. Insgesamt gelten im Land 1,1 Millionen Kinder als „akut“ mangelernährt. Das heißt: Ihr Körpergewicht liegt unter 80 Prozent dessen, was normal wäre. Viele Kinder sind auch „schwer akut“ mangelernährt, der Grenzwert für diese Definition liegt bei 70 Prozent.

Die gute Nachricht: Wird die Mangelernährung, wie bei Nyasunday, rechtzeitig erkannt und behandelt, haben die Kinder Chancen, zu überleben. „In den vergangenen 20 Jahren konnte die weltweite Kindersterblichkeit mehr als halbiert werden“, sagt Angela Griep, Fundraising-Expertin bei Unicef im Südsudan. Dazu hätten nicht nur flächendeckende Impfungen, sondern vor allem auch die Effizienz von Plumpynut beigetragen: „Es gibt also auch Erfolge, auf denen wir aufbauen können“, sagt Griep.

Dennoch ist der Hunger omnipräsent im Südsudan. Die Menschen sind überwiegend Kleinbauern, der Krieg hat ihre Existenz zerstört. Klimawandel und Dürrephasen hinterlassen zusätzliche Spuren der Zerstörung. Vieh, Gerätschaften, Land – alles verloren. Auch Margrets Mann John war Bauer.

Derweil sind wir außerhalb des Lagers in der Kriegsstadt Malakal unterwegs, wo ausgebrannte Autos und zerschossene Fassaden den Weg säumen. Unser Ziel ist eine alte Schule, in der Unicef Aktivitäten mit Müttern ins Leben ruft, um die Krise in den Griff zu bekommen: „In Müttergruppen helfen sich die Frauen gegenseitig. Sie klären über gute Hygiene auf, machen Impfkampagnen bekannt, organisieren Hilfe, wenn ein Kind krank wird“, erklärt Angela Griep.

79 dieser Müttergruppen à 15 Frauen gibt es bereits. Tendenz steigend – die Anzahl der Gruppen wächst im Schneeballsystem, da zuvor geschulte Frauen stetig nachrücken. Awel James Riak (24), Ernährungsberaterin bei Unicef, beleuchtet den Hintergrund: „Gefahr droht nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch Unwissen um Kernthemen wie Muttermilch, Hygiene und Händewaschen.“ In einem Land, in dem 60 Prozent der Menschen ihr Wasser aus dem schmutzigen Nil schöpfen und 75 Prozent ihre Notdurft im Freien verrichten.

Der vergessene Krieg: Lesen Sie die nächste Folge unserer Unicef-Serie am 6. Dezember.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert