Dohuk - Ibrahims Tod hat den stolzen Vater gebrochen

Ibrahims Tod hat den stolzen Vater gebrochen

Von: Manfred Kutsch
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Hamza Farho mit einer Celosia, der Lieblingsblume seines verstorbenen Sohnes Ibrahim. Foto: Manfred Kutsch
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Hamza Farhos verstorbener Sohn Ibrahim. Foto: Manfred Kutsch

Dohuk. Das Letzte, was Ibrahim Hamza genussvoll gerochen hat, war der Duft seiner geliebten dunkelrötlichen Celosia, einer seltenen Pflanzengattung der Fuchsschwanzgewächse. Einen Blick hat er auch noch auf die kletternden Passionsblumen und die jungen Obstbäume in der kleinen grünen Idylle der kurdischen Familie geworfen. „Der Garten war seine ganze Leidenschaft“, sagt Vater Hamza Farho.

Dann brach der Sohn am späten Abend auf. „Betet für mich“, hat der 22-Jährige seinen Eltern und Schwestern noch zugerufen, aber lachend gewunken. Gute zwölf Stunden später wurde der junge Peschmerga von der Terrormiliz IS umgebracht – und damit nach kurdischem Verständnis zum Märtyrer.

Wir sitzen in Ibrahims winziger Gartenoase, inmitten des staubigen nordirakischen Camps Domiz 2, wo 6000 syrische Flüchtlinge letzte Zuflucht in einer Geröllwüste fanden. Die Stimmung ist niederschmetternd. Vater Farho, in der Heimat einst ein erfolgreicher Keramikbauer, weint. Draußen auf der Straße grollt ein Generator, zwischen Müll und Steinen jagen Kinder einem luftlosen Ball hinterher.

„Ibrahim hinterlässt eine wunderbare Frau und die kleine Tochter Amanda, gerade acht Monate alt“, sagt Farho und nimmt aus seiner Zigarette einen tiefen Zug. Tochter Shinda (20) bringt Gläser mit sauberem Wasser, höflich lächelnd, aber stumm, stellt sie die Getränke ab.

Wir protokollieren die Auflösung einer mittelständischen Familie aus Al-Hasaka, einer Provinzhauptstadt im Nordosten Syriens. Sie begann damit, dass anno 2012 der syrische Präsident Baschar al-Assad „alle jungen Männer in den Krieg schicken wollte“, erinnert sich Farho. Der Vater, in seiner Kultur ein Patriarch, geriet unter Druck. Er hatte vier Söhne zu verlieren: Hajar (heute 29), Sarash (25), Ibrahim (22) und Mohamed (18). Für ihn war klar: „Es blieb nur die Flucht.“ Zu Fuß, mit dem nötigsten Hab und Gut, vorbei an Checkpoints, immer weiter, bis die Syrer von irakisch-kurdischen Perschmerga gen Domiz 2 geleitet wurden, das gerade eröffnet wurde.

Status Quo der Familie vier Jahre später: „Zwei Söhne habe ich nach Deutschland geschickt, der dritte ist im Land unterwegs“, sagt der Vater. Von seinen vier Töchtern ging eine nach Deutschland. 2200 Dollar habe er für die Schlepper zahlen müssen, pro Kopf. „Die Familie hat dafür ihren Schmuck verkauft“, berichtet Farho. „Aber Ibrahim wollte unbedingt bleiben.“ Warum? „Er war ein leidenschaftlicher Kurde, er wollte sein Kurdistan gegen diese barbarischen Terrormilizen des IS verteidigen“, sagt er mit klarer Stimme.

Was war Ibrahim für ein Mensch? Inzwischen qualmt die vierte Kippe in Farhos Händen, die leicht zittern. Draußen geht der Generator aus. „Ibrahim war ein sehr sozialer Mensch, ausgeglichen, er konnte auch total witzig sein und Scherze machen. Jeder mochte ihn“, kommt es dem Vater über die Lippen, und wieder werden seine Augen feucht.

Wie geht es seinen Kindern in Deutschland, in Halle und Dormagen, wo sie gelandet sind? Farho riecht jetzt auf seinem rosafarbenen Gartenstuhl an einer Minze: „Es geht ihnen gut. Sie leben in Sicherheit, das ist die Hauptsache, allein das zählt, sie leben in Frieden, ihre Kinder können zur Schule gehen.“ Beobachtet er den Wandel der deutschen Stimmung gegenüber Flüchtlingen? „Bei uns sagt man, es sind nicht alle Finger gleich. Die Leute, die bei euch Probleme machen und damit diese Stimmung anheizen, das sind dieselben, die auch in ihrer Heimat Schwie­rigkeiten machen“, schimpft er.

Und gesteht, dass er einen schweren Gedanken nie mehr loswerden wird. Farho grübelt vor sich hin. Und dann denkt er laut: „Warum ist Ibrahim nicht meinem Rat gefolgt, sich in Deutschland in Sicherheit zu bringen? Dann würde er noch leben.“

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