Helferin im Nordirak: Trotz Angst und Gewalt ein Hauch Normalität

Von: Manfred Kutsch
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Mehr als eine Million Flüchtlinge im Nordirak, Syrien und im Süden der Türkei: Das stellt das Kinderhilfswerk Unicef vor eine große Aufgabe, denn in den Lagern befinden sich auch viele Kinder. Viele kommen traumatisiert dort an. Foto: Bulent Kilic/afp

Aachen/Erbil. Mit 100 Mitarbeitern und zusätzlich 70 Helfern ist Unicef im Nordirak vertreten, unter ihnen ist seit vier Jahren Freya von Groote. Zum Auftakt unserer Aktion „Nordirak – rettet die Kinder“ sprach die 38-jährige deutsche Krisenmanagerin mit unserer Zeitung.

Unicef steht im Nordirak mit rund 850.000 Binnenflüchtlingen und weiteren 215.000 Flüchtlingen aus Syrien vor einer Herkulesaufgabe. Welche Hilfen haben Priorität?

Groote: Allem voran steht die Notversorgung, sprich Nahrung, Zelte, Wasser- und Sanitärversorgung. Für die Kinder versuchen wir, auch provisorischen Schulbesuch zu ermöglichen, um ihnen trotz Angst und Gewalt einen Hauch Normalität zu geben. Dazu muss man allerdings wissen, dass in Kurdistan derzeit 600 Schulen von Flüchtlingen belegt sind. Wir müssen also mit Zelten und anderen Unterkünften Alternativen zur Unterbringung anbieten.

Und das kurz vor dem Winter.

Groote: Richtig, bisher war es noch sehr warm, allerdings ist der Winter im Irak extrem hart, im Norden beginnt es bald zu regnen, und wir erwarten auch Schneefälle und harten Frost. Das ist natürlich ein riesiges Problem, wenn man bedenkt, dass unzählige Familien immer noch unter Brücken, auf Baustellen oder anderweitig unter freiem Himmel leben müssen. Die Verhältnisse dort sind überwiegend schlimm. Trinkwasser gibt es nicht genug, ebenso wenig Zugang zu sanitären Anlagen. Gerade für Frauen, die meistens mehrere Kinder betreuen, ist die hygienische Situation belastend. Kleidung zu waschen, ist fast unmöglich.

Wie muss man sich die Verfassung der Terroropfer vorstellen?

Groote: Manche kommen hoch traumatisiert an, vor allem die Kinder und Jugendlichen, die unbegleitet sind. Wir registrieren die Kinder und entwickeln psychosoziale Programme für sie, daran nehmen bereits rund 4000 Kinder in kinderfreundlichen Zonen der Lager teil. Ferner erfassen und dokumentieren wir über unser Netzwerk von Partnern Kinderrechtsverletzungen – von sexuellem Missbrauch bis zu Zwangsrekrutierung und Angriffen auf Schulen.

Haben alle Flüchtlinge Gewalt erlebt?

Groote: Nein, viele fliehen auch aus purer Angst. Sie hören aus der Ferne Bomben, erfahren von anderen Flüchtlingen vom grausamen Vormarsch der IS-Milizen, von Terror und Morden an Männern, Frauen und Kindern. Sie fühlen sich ohnmächtig und sind bereit, alles auf sich zu nehmen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Welche Völker, Kulturen und Religionen sind unter den Flüchtlingen?

Groote: Praktisch alle, besonders Jesiden und Christen, aber auch Sunniten, Schiiten, Turkmenen, Schabaken, viele Minderheiten.

Ist bekannt, wie viele Opfer nicht erreichbar sind?

Groote: Wir gehen davon aus, dass im Irak mindestens 1,5 Millionen Flüchtlinge hilfsbedürftig, aber kaum erreichbar sind. Es ist uns aber bereits gelungen, Tausende Menschen auch dort zu erreichen und Soforthilfe zu leisten.

Was beeindruckt Sie am Kontakt zu den Flüchtlingsfamilien?

Groote: Der Mut der Mütter, nach vorne zu schauen, auch wenn sie sieben Kinder haben und vor dem absoluten Nichts stehen. Natürlich wollen sie schnellstmöglich in ihre Heimat zurück. Aber sie wissen, dass dies auf absehbare Zeit aus Sicherheitsgründen nicht möglich sein wird.

Wie können wir von Deutschland aus am besten helfen?

Groote: Deutschland leistet bereits auf vielen Ebenen Hilfe, etwa mit Experten, die sich der gewaltigen Dimension der humanitären Katastrophe stellen. Grundsätzlich brauchen wir noch mehr finanzielle Mittel, um Leben zu retten – und zu versuchen, besonders den Kindern in dieser schweren Zeit beizustehen. Dazu können Ihre Leserinnen und Leser mit einer Spende einen Beitrag leisten.

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