Die schlimmste Nacht in ihrem Mutterleben

Von: Manfred Kutsch
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Ängstlich kuschelt sich Ronel (2) an die Schulter seiner Mutter Namia Nohoy, deren erstgeborenes Kind in den Sturmfluten eines Taifuns starb.
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Gelände des Schreckens: Hier, in dieser Lavamoräne des Vulkans „Mayon“, neben der die Familie lebt, schossen 2006 die Wassermassen herunter.

Legaspi. Für mehr als 14 Millionen betroffene Filipinos war der Taifun „Haiyan“ so mächtig, dass jener 8. November 2013 einer Zeitenwende gleicht. Alles, was vorher im Gebiet der Apokalypse im Osten des Landes geschah, erscheint heute in einem anderen Licht.

Auch die bangen Worte von Namia Nohoy (32) – es war Mitte Oktober, drei Wochen vor der Katastrophe, in der Provinz Albay, 300 Kilometer nördlich von Tacloban. Erzählt hat sie uns vom vergeblichen Kampf um das Leben ihres Babys 2006 im Taifun „Durian“, der es mit eintausend Todesopfern, vier von Schlamm verschütteten Dörfern und einer Million Obdachlosen nur zu einer Meldung weltweit brachte. Eher still waren die Katastrophen, in deren Sog das Land immer stärker geraten war. Mehr als 10 000 Menschen fielen im Vorfeld des „Haiyan“ seit 1991 Überflutungen und Erdrutschen in dieser östlichen Krisenregion der Philippinen zum Opfer.

Namia bekam drei weitere Kinder

Auch Maria Carla, Tochter von Namia (sechs Monate), war unter ihnen. Sie wurde wie ein Spielball von den Naturgewalten erfasst: „Ich hatte die Kleine im Arm. Wir rannten nur noch weg, das Wasser kam hinterher, es war viel schneller. Steine und Felsbrocken, zum Teil so groß wie Autos, schossen den Hang herunter, der Orkan war laut, dann kam der Baumstamm, an dem ich mich festhalten konnte“, erinnert sich die junge Mutter an die schlimmste Nacht ihres Lebens.

Die Region der Provinz Albay und ihre Hauptstadt Legaspi finden sich auf einer Landzone zwischen Pazifik und südchinesischem Meer - flach, ökologisch aufgerüstet mit tausenden Mangroven, die vor Hochwasser schützen. Ein brodelndes Krisengebiet, auch durch die Eruptionen des aktiven Vulkans „Mayon“.

Nach dem Verlust ihres Babys hat Namia mit Ehemann John drei weitere Kinder bekommen: Ryan (6), Rica (4) und Ronel (2). Ihr Zuhause ist eine labile Konstruktion aus Bambusstäben und Palmenblättern – gleich neben einer Lavamoräne, die wie eine schwarze Rutschbahn vom Vulkan herab führt. „Viermal haben wir nach Stürmen unsere Hütte wieder aufbauen müssen“, berichtet uns die zierliche, ausgezehrte 32-Jährige. Die Begegnung mit ihr fand im vergangenen Oktober statt.

Inzwischen ist alles anders. „Durian“ war vor einigen Jahren, „Haiyan“ traf diesmal die gefährdete Provinz vergleichsweise glimpflich, „nur“ Dutzende Häuser wurden zerstört, ungezählte Bäume entwurzelt.

Was aus Namias Familie nach „Haiyan“ geworden ist? Genaue Informationen liegen nicht vor. Aber wir können davon ausgehen, dass sie überlebt hat. Die Region wurde nach Auskunft von Unicef rechtzeitig evakuiert. Zu befürchten ist freilich, dass sich die Familie ein fünftes Mal ein neues Zuhause wird bauen müssen.

Schulen diesmal unversehrt

Immerhin blieben die Schulen der Region unversehrt. Nach „Durian“ waren 90 Prozent zerstört, das neue Unterrichtsfach „Katastrophenschutz“ wurde mit Hilfe von Unicef eingeführt. Täglich lernen die Kinder seitdem Rettungsmaßnahmen, Verhaltensweisen bei Tropenstürmen und Erdbeben und erfahren auch Hintergründe zum Klimawandel. „Das Thema muss von klein an in die Köpfe der Kinder, denn sie werden in ihrem Leben immer mit diesen Risiken leben müssen“, sagt Bibiano Santillay, Schuldezernent der Provinz.

Vor einiger Zeit brachte Namias Sohn Ryan als Erstklässler sein neues Schulbuch „Disaster Preparedness“ (Katastrophen-Vorbereitung) nach Hause: „Bist du bereit, wenn an deinem Wohnort eine Katastrophe passiert?“, fragt da „Wonder Bert“, der Comic-Held des Lehrbuchs. Der Schuldezernent sagt: „Es ist wichtig, dass sich die Kinder auch fortwährend mit den Ursachen des Klimawandels befassen, damit sie die Zusammenhänge verstehen.“

Doch warum haben Namia und ihre Familie nicht längst den verhängnisvollen Ort verlassen? „Mein Mann hat in der Lavamoräne Arbeit gefunden“, sagt sie. Tag für Tag treibt John dort einen Wasserbüffel an, der mit seinem umgehängten Siebgestänge Steine für Bauarbeiten aus dem schwarzen Morast zieht. „Bis zu 5000 Pesos kann er dort im Monat verdienen“, sagt Namia – das sind knapp 100 Euro. Immerhin.

An diesem ganz normalen Tag im Oktober 2013 hatte der „Philippine Star“ mal wieder einen nachrichtenstarken Titel: Landsfrau Megan Young wurde in Bali „Miss World“ . Auf einer Touristeninsel der Visayas hatte ein namenloser Taifun 21 Tote gefordert, im Süden rebellierten islamistische Extremisten. Das Erdbeben auf Cebu mit 230 Todesopfern und 400 000 Betroffenen sollte erst in zwei Tagen folgen. Und von „Haiyan“ sprach noch keiner.

Nur etwa fünf Kilometer von Namias Zuhause entfernt ist der größte Touristenmagnet der Region. Kein Freizeitpark, sondern ein noch aufrecht stehender Glockenturm einer zerstörten Kirche, ebenfalls am Fuße des „Mayon“, des aktivsten Vulkans des Landes. Eine Eruption löschte hier ein ganzes Dorf aus. 1200 Tote. Nur wenige Bewohner überlebten – in diesem Turm. Das war im Jahr 1814. Ein Denkmal der Leidensfähigkeit eines Volkes, das sich nie aufgibt.

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