Brüder, die dem Tod ins Auge sehen

Von: mku
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Die wenigsten seiner Kameraden wurden über 30 Jahre alt: Bewar Barwary auf dem „Friedhof der Märtyrer“ in Dohuk. Das Gelände ist so groß wie zwei Fußballfelder. Foto: Manfred Kutsch

Dohuk. Seinen Stolz mag Bewar Barwary gar nicht verbergen. „Jetzt kennt uns die ganze Welt“, lächelt der 27-jährige Kurde – und meint damit seine legendären Peschmerga, die ihren Ursprung im Untergang des Osmanischen Reiches hatten.

Von den 360.000 Frauen und Männern in den olivgrün gemusterten Kampfanzügen rücken derzeit rund 20.000 Soldaten aus Kurdistan auf die einstige IS-Hochburg Mossul vor – mit deutschen Sturmgewehren, Milan-Raketen und gepanzerten Fahrzeugen.

1200 Peschmerga wurden bislang von der Bundeswehr für den Kampf gegen die Terroristen des sogenannten islamischen Staates ausgebildet. Und Bewar ist „zu einhundert Prozent davon überzeugt, dass wir den IS endgültig aus Mossul verjagen“. Insbesondere die Milan-Geschütze machen ihn so überzeugt vom Sieg: „Damit können wir deren Panzer treffen, das war uns zuvor nie möglich.“

Wir treffen den jungen Mann an einem seiner wenigen freien Tage daheim im nordirakischen Dohuk. Dort wuchs der aktive Fußballer als jüngster von drei Brüdern auf, die alle Peschmerga wurden. Familie Rekani in der Nachbarschaft hat irakischen Espresso bereitet, es gibt Kekse und Zigaretten, Mohamed Rekani ist unser Übersetzer – und Bewars Freund.

Die Atmosphäre ist herzlich, die Stimmung des Peschmerga spöttisch und entschlossen: „Die IS-Leute sind gar nicht so gute Kämp fer. Ihre Stärke ist Angstverbreitung, nur Propaganda, das Töten vor laufenden Kameras und ihr fester Glaube, beim Selbstmordanschlag ins Paradies zu kommen.“ Kurzes Zögern. Dann zynisch: „Diese Wahnsinnigen.“

Bewar weiß: „Beim IS stehen viele unter Drogen, oft finden wir weiße Kapseln, wenn wir sie vertrieben haben.“ Er habe inzwischen „viele IS-Leute“ kennen gelernt und wisse: „In Wahrheit haben sie große Angst vor uns Peschmerga.“ Er selber weiß aber auch um die Gegenwehr der Extremisten: Wo immer der IS abzieht, nimmt er zivile Geiseln, hinterlässt ein Meer an geschickt getarnten Landminen und vor allem einsatzbereite Selbstmordattentäter.

Kurze Atempause, neue Zigarette, neuer Schluck Espresso, schweifender Blick aus dem Fenster auf die 500.000-Einwohner-Stadt Dohuk, die malerisch zwischen Bergen liegt. Doch nachts wandelt sich die Idylle, es wird frostig, insbesondere für die 700.000 Vertriebenen in provisorischen Zelten und Behausungen rund um Dohuk.

Bewar Barwary freut sich offenbar, uns Deutsche teilhaben zu lassen an seinen Erfahrungen. Und er erzählt weiter: „Wenn wir IS-Leute festnehmen, müssen sie sich bei erhobener weißer Fahne auf mindestens 200 Meter Entfernung zunächst bis auf die Unterhose ausziehen, damit wir sicher sein können, dass sie keine Sprengstoffgürtel tragen“, berichtet der Soldat, der manche seiner Kameraden schon verloren hat, weil sie zu gutgläubig waren.

Drei bis vier Monate werde es dauern, bis die verbliebenen 3000 bis 4000 IS-Kämpfer aus Mossul vertrieben seien, meint Bewar. Wobei er keinen Hehl aus dem „Fehler der irakischen Armee macht, uns nicht in den Häuserkampf einzubeziehen“. Das hat sich die irakische Armee selber vorbehalten, die im Sommer 2014 vor den IS-Attacken wenig rühmlich davon gelaufen war.

Auf der Rückfahrt ins Hotel stehen plötzlich nahe einer Kreuzung auf der Nationalstraße Hunderte Männer links und rechts der Fahrbahn. Sie blicken ernst. Und sie sprechen nicht miteinander. Mohamed Rekani sagt auf unseren fragenden Blick: „Sie alle warten auf die heutigen Opfer von der Front. Diese Männer werden die Verwundeten ins Krankenhaus und die Toten zu ihren Familien bringen.“

Der Friedhof von Dohuk, hoch über der Universitätsstadt gelegen, hat einen Komplex, der etwa zwei Fußballfelder groß ist und sich „Märtyrer-Teil“ nennt. Auf den Grabsteinen ist zu erkennen, dass die wenigsten „Märtyrer“ über 30 Jahre alt wurden.

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