Aylans Vater kämpft jeden Tag mit der Erinnerung

Von: Manfred Kutsch
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Ein erschütterndes Bild geht um die Welt: Das Foto von der Bergung des toten Jungen zierte im September 2015 die Titelseiten der internationalen Presse. Foto: dpa
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Für dessen Vater Abdullah Kurdi begann eine Zeit des Leidens,... Foto: dpa
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... die bei ihm bis heute andauert. Foto: Kutsch
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Unser Autor Manfred Kutsch traf den 40-Jährigen in der Stadt Erbil im Irak. Foto: Kutsch

Erbil. Die Schultern des schmächtigen Mannes hängen, der Händedruck ist schwach, seine Aussprache lispelnd. Abdullah Kurdi fehlen die Vorderzähne, die ihm 2013 von Folterknechten des IS gewaltsam gezogen wurden. Da ahnte der Familienvater noch nicht, dass alles noch viel schlimmer werden würde.

Der 40-jährige Syrer nimmt in einer Hotelhalle der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil Platz an unserem Tisch und blickt gleichwohl skeptisch. Zu viel hat er mit den Medien erlebt, die seinen ertrunkenen zweijährigen Sohn Aylan weltberühmt machten, gleichzeitig aber auch Spekulationen über eine Mitschuld des Vaters zuließen.

Das hat diesen ohnehin gebrochenen Mann zutiefst verletzt. Der Bildschirmschoner seines Handys zeigt das Foto, das schon heute als ähnliche Legende gilt wie das Bild des vietnamesischen Mädchens aus dem Jahr 1972, das während des Vietnam-Krieges schreiend vor einer Napalm-Bombe davon läuft. Am 2. September 2015 ist es der Anblick des kleinen Jungen namens Aylan, der die Unmenschlichkeit der Flüchtlingskatastrophe offenbart: Wie schlafend liegt Kurdis ertrunkenes Kind noch halb im Wasser, angezogen, die Schuhe noch an den Füßen, angespült an der türkischen Küste vor Bodrum.

„Dieses Foto meines toten Sohnes war wie ein Brief von Gott“, sagt Abdullah Kurdi und stellt sich mit einem Kopfnicken dem Gespräch. Der syrische Kurde verlor in jener Nacht im tosenden Wasser des Mittelmeeres nicht nur Aylan, sondern auch seinen fünfjährigen Sohn Galip und Ehefrau Rehab (35). Der kurdische Präsident Masut Barzani stellte ihm in Erbil aus Solidarität eine Wohnung zur Verfügung.

Aylans Foto, ein Brief von Gott? „Ja“, meint der Vater mit leiser Stimme, „nach der Veröffentlichung dieses Bildes öffneten sich Millionen Herzen und die Türen in zahlreichen Ländern“. Das habe „vielen Menschen das Leben gerettet“. In der Tat: Hardliner David Cameron öffnete plötzlich Englands Grenzen „für Not leidende Syrer“, Schwedens Außenministerin brach in Tränen aus, die Spanier drängten ihre Regierung zu mehr Hilfe.

Ein Brief von Gott. Aber derselbe Gott ließ in jener September-Nacht im Jahr 2015 auch etwas zu, „was kein Mensch auf der Welt jemals erleben sollte“, sagt Abdullah Kurdi. Mit bedauerndem Lächeln zückt er die nächste Zigarette. „Das Einzige, was mich beruhigt.“

Und dann erzählt er sie, die Geschichte jener verhängnisvollen Flucht, die im syrischen Kobane ihren Verlauf nahm, wohin die Familie über Damaskus und Aleppo bereits geflohen war. „Ich musste in der Türkei arbeiten, um die Kosten für die Allergie-Therapien beider Kinder zu bezahlen. Sie hatten bösen Hautabfall. Das Geld reichte nicht mehr. Es gab auch keine Zukunft in der Schule, keine Perspektive“, berichtet Kurdi.

Er holte seine Familie in die Türkei nach und organisierte die Flucht mit Schleppern zur griechischen Insel Kos, 4000 Euro zahlte er ihnen. Dafür landete die Familie am Abend des 1. September 2015 auf einem Schlauchboot ohne Schwimmwesten. Kurdi erinnert sich: „Es war um Mitternacht. Wir hatten den ganzen Tag im Hotel auf den entscheidenden Anruf gewartet, denn zwei Versuche waren schon abgebrochen worden. Jetzt aber schien das Wetter ruhig, das Wasser unauffällig. Das Boot legte los, es waren noch acht weitere Menschen an Bord. Schon bald waren die Schlepper nicht mehr zu sehen, und dann ging alles sehr schnell. Wir saßen kaum, als das Meer zu toben begann. Nach einer halben Stunde war das Boot außer Kontrolle.“

An dieser Stelle bricht Abdullah Kurdi ab. Seine Augen werden feucht. Die schauerliche Erinnerung an den nächtlichen Kampf in den Fluten des Mittelmeeres um das Leben seiner Liebsten lässt sein langsames Kopfschütteln andauern. Er selber überlebte dank kaum vorstellbaren Kräften: „Etwa drei Stunden bin ich geschwommen, bevor mich die türkische Polizei aus dem offenen Meer geholt hat“, sagt Kurdi.

Nur zwei Tage später entdeckt der Vater das Foto von Aylan im Internet. Im Rückblick sagt er: „Es war richtig, dass die Medien das Foto gezeigt haben. Die Menschen dürfen nicht wegsehen, was auf dem Weg nach Europa passiert, wenn man zuvor kein Visum hat. Glauben Sie mir, jedes Mal, wenn ein Boot untergeht, weine ich.“

Der schmächtige Mann sinkt in dem ledernen Hotelsofa zusammen, doch dann sagt er auch das: „Es ist nicht schön, dass mein Leid von jedem verfolgt wird. Aber es macht mich glücklich, dass es so viele teilen.“ Zum ersten Mal lächelt er. „Unendlich dankbar“ sei er für „viele Signale“ und „manche Unterstützung“.

Zwischen Einsamkeit und Hoffen

Einsam fühlt er sich trotzdem. „Es vergeht keine Nacht, in der die drei mir nicht vor Augen sind.“ Und: „Wissen Sie, ich habe keine Arbeit, ich würde gerne eine Aylan-Stiftung gründen und Flüchtlingslager unterstützen“, sagt er. Aber es gibt wohl Behördenprobleme.

Auf die Frage, wie sein Sohn Aylan denn war, denkt er nicht lange nach: „Er war ein ganz ruhiger Junge, mit einem großen Herzen. Er hat immer alles geteilt, auch mit seinem Bruder.“ Am Ende auch den Tod. Beigesetzt wurde die Familie in Kobane, wo Abdullah Kurdi nicht mehr leben kann: „Dort ist alles zerstört. Ich bin ein Stadtmensch und dankbar, dass ich in Erbil sein darf“, sagt er.

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