Aachen - Und die Welt wird irgendwie wieder heil

Und die Welt wird irgendwie wieder heil

Von: Cosima Ermert und Lena Feuser, Schülerredaktion
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Joachim Wehrenbrecht (53) ist seit 2013 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Herzogenrath, im Kirchendienst tätig ist er seit über 20 Jahren. Er hat drei erwachsene Kinder und unterrichtet Religion in den zehnten Klassen der Realschule Kohlscheid. Foto: Cosima Ermert
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Jesus bringt Licht in unsere Welt: Die christliche Botschaft von Weihnachten geht an den meisten Jugendlichen nicht spurlos vorüber. Rituale, die sie in ihrer Kindheit von den Eltern lernen, haben für sie eine große Bedeutung. Foto: stock/UIG

Aachen. Zwei Kirchenmänner und ihr persönliches Weihnachten, Fragen über den Glauben der Jugend von heute und Geschenketipps nach Christenart. Darum geht es im Doppelinterview, das die Schülerredakteurinnen mit Joachim Wehrenbrecht (53), Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Herzogenrath, und Christian Schröder (32), Jugendseelsorger der Pfarre St. Franziska von Aachen, geführt haben.

 

Wie haben Sie selbst als Jugendlicher Weihnachten erlebt?

Christian Schröder: Drei Tage Ausnahmezustand. An Heiligabend zu Hause den Baum geschmückt, mit der Familie in die Kirche, danach lecker zusammen gegessen und Geschenke ausgepackt. Danach dann noch mal los zum absoluten Highlight: der Jugendchristmette um Mitternacht, wo wir oft für die richtige Musik gesorgt haben. Am ersten und zweiten Weihnachtstag haben wir dann durchgehend mit meiner großen Familie gefeiert.

Joachim Wehrenbrecht: Alles sehr intensiv. Rituale wie das Essen, Geschenke, Gedichte oder die Weihnachtsgeschichte vorlesen gehörten genauso dazu, wie der Kirchgang. Als meine Mutter starb und mein Vater nochmal heiratete, waren diese Rituale nicht mehr in ihrem festen Ablauf. Mit ungefähr vierzehn habe ich dann angefangen nur mit meinem Bruder Weihnachtsgottesdienste zu besuchen, von denen wir wussten, dass die Predigt gut ist. Mir war das Inhaltliche an Weihnachten schon damals sehr wichtig.

Was denken Sie, sehen Jugendliche heute im Weihnachtsfest?

Schröder: Schwer zu sagen, weil Jugendliche natürlich genauso unterschiedlich sind, wie Erwachsene. Aber ich denke, für viele ist es noch immer in erster Linie ein Familienfest. Ob das dann schön oder eher anstrengend wird, kommt natürlich darauf an, wie gut man gerade mit der eigenen Familie klar kommt. Ich glaube aber, bei vielen schwingt auch die Hoffnung mit, dass die Welt wieder irgendwie heil wird – die große oder die eigene kleine. Und damit sind sie ja dann wieder dicht dran an der christlichen Botschaft des Weihnachtsfestes.

Wehrenbrecht: Ich erlebe Jugendliche aber auch als sehr elternorientiert. Wenn für die Eltern der Weihnachtsgottesdienst dazugehört, dann lassen sich die meisten noch überreden, mitzugehen. Die Jugendlichen stehen nicht unbedingt kritisch der christlichen Religion gegenüber, aber für sie gehört der Gottesdienst nicht unbedingt dazu. Vielleicht sollte man aber bedenken, dass ein reines Konsumweihnachten irgendwann hohl wird – genauso wie ein reiner Traditionalismus für viele hohl geworden ist, wenn man nicht seinen eigenen Zugang dazu findet.

Dem Event-Charakter von Weihnachten kann sich heute kaum einer entziehen. Wie vermittelt man da noch eine über 2000 Jahre alte Geschichte von einem Kind im Stall?

Wehrenbrecht: Indem man sie erzählt. Events kommen und gehen, Geschichten aber bleiben im kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft. Und die Geschichte von Weihnachten ist unübertroffen schön, darum wird sie bleiben, sei es im Krippenspiel oder in der Rezitation des Weihnachtsevangeliums. Ich glaube, dieses Eventgeschehen, was die Kirche ja teilweise mitmacht oder selbst macht, wie Krippenspiele oder Weihnachtsmusicals oder dergleichen, reicht nicht an die schlichte Erzählung heran.

Schröder: Warum sollte man die Geburt Jesu nicht mit einem besonderen Event feiern? Ich finde es spannend, den Kern der Weihnachtsbotschaft mit jungen Leuten zu inszenieren. Auch die beste Geschichte berührt nicht, wenn sie schlecht erzählt wird.

Wie sehen Sie grundsätzlich die Entwicklung in der Beziehung von Jugendlichen zum Glauben?

Schröder: Wie bei Erwachsenen auch: Der Glaube bei Jugendlichen ist heute eine sehr individuelle Geschichte. In meiner Arbeit begegnen mir da sehr unterschiedliche Biografien. Manche sind getauft, hatten aber nie viel damit zu tun. Viele bekommen dann einen Zugang über die Firmung, Ferienfreizeiten oder die Jugendkirchen. Andere haben dazu noch überhaupt keinen Bezug, sind aber gerade deswegen unvoreingenommen und neugierig.

Wehrenbrecht: Die aktuelle Shell-Jugendstudie sieht einen starken Traditionsabbruch von den jugendlichen Glaubenden. Nur noch ein Drittel versteht sich als mit ihrem Glauben und der Kirche eng verbunden. Es ist schwierig, sich als jemand zu outen, der glaubt, vor allem wenn die Freunde keine Beziehung zum gemeindlichen Leben oder zur Kirche haben. Wir müssen aber auch zwischen Glauben und Religiosität unterscheiden. Jugendliche sind nicht gegen Kirche! Aber Religion wird sehr vielschichtig gelebt: Dass Jugendliche nicht zur Kirche kommen, heißt nicht, dass sie nicht glauben. Oder andersrum.

Was resultiert daraus?

Wehrenbrecht: In Zukunft wird sich das noch mehr ausdifferenzieren. Wichtig wird nach wie vor sein, dass die Jugendlichen die Möglichkeit haben, mit Glaubensvertretern zu sprechen, sei es im Religions- oder Konfirmationsunterricht. Die Bindung zur Kirche wird zwar eher abnehmen, aber ich sehe die Religion immer noch als Möglichkeit, Leben zu gestalten. Und das werden immer Menschen tun, auch Jugendliche.

Schröder: Auch wer in einer christlichen Familie aufgewachsen ist, muss als Jugendlicher den Kinderglauben beiseite legen und für sich herausfinden, welche Relevanz der Glaube für das eigene Leben hat.

Sollte Weihnachten auf jeden Fall auch in der Kirche stattfinden? Wenn ja, formulieren Sie doch eine Einladung an Jugendliche!

Schröder: Ein guter Weihnachtsgottesdienst ist das Highlight der Festtage – und bewahrt davor, in familiärer Harmonie zu ertrinken. Ob klassische Christmette, alternative Feiern wie etwa in der Citykirche bis zu speziellen Jugendgottesdiensten wie bei uns in kafarna:um – es gibt viele Möglichkeiten. Wenn da das Richtige noch nicht dabei ist, würde ich sehr gern erfahren, was noch fehlt. Dann können wir das nächstes Jahr ausprobieren.

Wehrenbrecht: Das würde, wie so viel kirchliche Anstrengung, verpuffen. Wenn Jugendliche selbst diejenigen sind, die einladen, wie etwa in Jugendkirchen, oder wenn eine Jugendband eine eigene Andacht organisiert, dann wird das gelingen. Aber wenn der Pfarrer oder das Presbyterium eine Idee hat und ein Plakat macht, dann kommt niemand. Die Einladung muss von Augenhöhe aus kommen. Damit eine richtige Beziehung zur Kirche wachsen kann, ist aber vor allem ein konstanter Kontakt wichtig, beispielsweise wenn man selbst Verantwortung in der Gemeinde übernimmt.

Jugendliche sind ja dankbar für originelle Ideen! Geben Sie uns doch einen christlichen Geschenktipp!

Wehrenbrecht: Etwas selbst gebasteltes oder selbst geschriebenes. Weil darin zum Ausdruck kommt: Ich mache mir Gedanken über dich. Wenn ich selbst darin vorkomme und ich einfach nur möchte, dass sich der andere freut, das wäre für mich ein christliches Geschenk.

Schröder: Ich finde nicht so wichtig, was geschenkt wird, sondern wem. Das Besondere an der Weihnachtsgeschichte ist, dass Gott dort zur Welt kommt, wo es eigentlich keiner erwartet. Nicht im Königspalast, sondern in ganz armen Verhältnissen. Mein Tipp: Schenk‘ jemandem etwas, der kein Geschenk von dir erwartet.

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