Aachen - „Sie haben erzählt, wie sehr sie ihre Heimat vermissen“

„Sie haben erzählt, wie sehr sie ihre Heimat vermissen“

Von: Yasmin Wiese, Mitglied der Schülerredaktion
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Aachen. Nele Kempen vom Anne-Frank-Gymnasium hat als Facharbeit in Sozialwissenschaften einen Film über die Internationale Förderklasse (IFK) an ihrer Schule dreht. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über Flüchtlinge an unserer Schule zu machen?

Nele: Zuerst wollte ich eine Arbeit über die Abschiebepraxis in Aachen machen, erweiterte dann aber das Thema auf Flüchtlingskinder in Aachen, da ich wusste, dass es in Aachen sehr viele Flüchtlinge gibt. Mein Lehrer kam auf die Idee einen Film zu erstellen, womit ich sofort einverstanden war.

Was ist der Inhalt des Films?

Nele: Der Film hat den Namen „Von Conacry nach Aachen“. Er soll den Alltag minderjähriger Flüchtlinge in Aachen zeigen und der Frage nachgehen, warum diese Kinder aus ihrem Land geflohen sind. Es geht um die Gründe der Flucht, um Erfahrungen, die die Kinder gemacht haben und um Kinder, deren Familien noch in den Herkunftsländern leben. Das zweite Thema ist die Abschiebepraxis anhand eines Beispiels. Ein zehnjähriges Mädchen flüchtete 2012 aus Serbien, da sie dort als Roma verfolgt wurde. In Deutschland wurde dem Mädchen Asyl versprochen. Es ging zwei Jahre lang zur Schule und lernte schnell Deutsch. Mitten in der Nacht wurde die Familie aufgegriffen und zurück nach Serbien gebracht, wo sie nun wieder lebt. Im Film unterhalte ich mich dann mit ehemaligen Mitschülern des Mädchens.

Welche Bedenken hattest du?

Nele: Schon im Vorfeld wurde mir berichtet, was diese Kinder und Jugendlichen in ihrem jungen Leben durchlitten haben. Das machte mir sehr viel Angst. Einmal hatte ich Angst, die falschen Fragen zu stellen und den Jugendlichen zu nah zu kommen. Anderseits wurde mir bewusst, dass diese Jugendlichen selber in einer solchen Angst leben und es für sie echt gefährlich werden könnte, wenn der Film in falsche Hände gerät.

Wie hat es denn mit der Verständigung geklappt?

Nele: Bedenken hatte ich auch wegen der Sprache. Allerdings sprechen die meisten, die ich interviewte, schon ein verständliches Deutsch und für Französisch, was viele sprechen, bekam ich Übersetzungshilfe von meiner besten Freundin.

Wie hat sich im Laufe der Zusammenarbeit dein Verhältnis zu den Flüchtlingen geändert?

Nele: Am Anfang war ich vorsichtig, weil ich Angst hatte etwas Falsches zu sagen, aber mit der Zeit war es ein ganz normales Verhältnis, wie bei Menschen, die sich etwa drei Wochen lang kennen.

Betrachtest du sie als Mitschüler?

Nele: Als Schüler, die genauso in die Schule gehen wie ich, ja.

Und wie ist deiner Einschätzung nach generell die Meinung an der Schule über die Schüler, die die internationale Förderklasse besuchen?

Nele: Als ich die Klasse besuchte, fiel mir direkt auf, dass sich die Klasse ziemlich abseits vom Rest der Schule befand, fast als gehöre sie nicht dazu. Auch als ich Mitschülern von meinem Projekt berichtete, wussten viele nicht, dass es an unserer Schule die Förderklasse gibt. Einerseits wäre es besser, wenn die Schüler besser integriert werden würden, also in „normale Klassen“ aufgeteilt werden würden, andererseits sind sie alle auf einem vergleichbaren Wissensstand und fühlen sich mit Kindern wohler, die ein ähnliches Schicksal haben. Mittlerweile ist der Klassenraum aber auch ganz normal neben den anderen Klassenräumen – was ich sehr gut finde.

Wie hast du versucht, ein vertrautes Miteinander zu schaffen?

Nele: Zuerst habe ich mich vorgestellt und den Kindern die Entscheidung überlassen, ob sie Teil des Projekts werden möchten. Bei den jüngeren Kindern war ich vorher im Unterricht. Ich habe mir etwas Arabisch beibringen lassen, um zu zeigen, dass ich mich für ihr Land interessiere.

Was haben sie erzählt?

Nele: Die Kinder gingen richtig aus sich heraus, jeder wollte von seiner Heimat berichten. Da wurde mir bewusst, dass sie hier in Deutschland viele ihrer Fähigkeiten nicht einbringen können und dass sie ihre Heimat sehr vermissen.

Wie schätzt du die zukünftige Entwicklung Deutschlands mit den vielen neuen Menschen ein?

Nele: Die Situation in Deutschland ist sehr schwierig. Für Politiker, für die Polizei und Jugendamtsmitarbeiter. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es für die Flüchtlinge selbst am schwierigsten ist. Was diese Menschen miterleben mussten, ist für uns unvorstellbar. Von elfjährigen Soldaten, Diktaturen, Ermordungen von Familienmitgliedern vor ihren Augen... Deshalb sollte hier bei uns jeder helfen, wo er kann!

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