Würselen - Nicht alles, was blinkt, ist pädagogisch gut

Nicht alles, was blinkt, ist pädagogisch gut

Von: Bettina Begner, Schülerredaktion
Letzte Aktualisierung:
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Die Ankunft der iPads: Schulleiterin Lydia Becker-Jax und Medienkoordinator Frajo Ligmann (3.v.r.) packen die neue Ausstattung aus bzw. an!

Würselen. In einer Schule bilden sich zwei Fraktionen, sobald man den Begriff des „digitalen Unterrichts“ ins Lehrerzimmer wirft: auf der einen Seite die Altphilologen, Technikpessimisten und Kreidefetischisten, auf der anderen Seite diejenigen, die die Trennung von alten Overhead-Projektoren und abgegriffenen Atlanten inklusive Tschechoslowakei und DDR weniger schmerzlich verkraften.

Wirkliche Kenner sind Randfiguren des Kollegiums: Nerds wie Mathe- und Informatiklehrer. Einer von ihnen ist Frajo Ligmann, bekennender Nerd, seit 2010 Lehrer am Gymnasium Würselen und Medienkoordinator der Schule. Er war es, der das Gymnasium Würselen lehrte, dass nicht alles pädagogisch wertvoll ist, was blinkt und WLAN hat.

2007 startete ein Projekt am Gymnasium Würselen. Mit „Lernen mit neuen Medien – online“, kurz Lemmon, sollte die Schule digital revolutioniert werden. Gleich sechs elternfinanzierte Laptopklassen wurden aus dem Boden gestampft. Medienkonzept? Fehlanzeige! Stattdessen konzeptionelle Fehler: zu wenig Akku, zu wenig digitale Schulbücher, zu schweres Gerät mit einhergehender exzessiver Schlepperei. Als Frajo Ligmann das erste Mal eine solche Laptopklasse betrat, fühlte er sich erschlagen: „Es war regelrecht unangenehm. Diese Laptops nahmen so viel Raum ein und drängten sich in den Fokus, ohne eine Berechtigung dafür zu haben.“

Unaufdringliche Präsenz

„Neue Medien sollen den Schülern das Lernen erleichtern und sie unterstützen, aber nicht um jeden Preis. Ihre Präsenz ist im Mediencurriculum zwar spürbar, aber nicht aufdringlich. Oftmals fehlt es den Schulen an der Abwägung von Sinn und Unsinn“, sagt Ligmann. „Manchmal stehen Schulen vor der Frage: Digitales Whiteboard oder doch das teurere Smartboard? Ich kenne keine einzige Schule, wo das eine oder das andere funktioniert. Solche Geräte sind lehrerzentriert und gerade davon wollen wir ja weg.“

„Individualisierter Lernprozess“ heißt das Zauberwort. Dieser gepaart mit aktiver Verinnerlichung des Stoffes statt bloßer Anwesenheit während des Frontalunterrichts sind die Schlüssel zum Erfolg von digitalen Projekten, wie etwa von iPad-Klassen. Dass ein iPad in Mathe als Taschenrechner fungiert, kann sich jeder vorstellen. Aber was haben die Geräte im Sport zu suchen? Ligmann kommt aus dem Schwärmen kaum heraus: „Besonders erstaunt war ich von einer Kunst- und Sportlehrerin, die mir sagte: ‚Frajo. Ich kenne mich damit überhaupt nicht aus, aber ich will dabei sein!‘ Nach einem halben Jahr hat sie mit ihren Bewegungsanalysen, die mit dem iPad aufgenommen werden, selbst die jungen Referendare angefixt. Das sind Momente, da geht mir das Herz auf.“

Wer denkt, das iPad samt WLAN seien ein Freifahrtschein in die Passivität und schnelle Googelei, der täuscht sich. „Die Idee des digitalen Werkzeuges ist es, Lernprozesse zu individualisieren“, sagt Ligmann. Das gelingt beispielsweise mit „Flip the Classroom“ (www.fliptheclassroom.de), einer Plattform ähnlich wie Youtube, wo sich Schüler Videos anschauen und dabei etwa lernen Nullstellen zu berechnen.

Als Ligmann einmal die Hausaufgabe stellte, lediglich das Video zu schauen, nahmen viele Schüler der iPad-Klasse das nicht ernst und wurden überrascht. Denn die Lernvideos haben wenig mit dem individuellen Internetkonsum zu tun. Stattdessen erklärt ein Lehrer wie beim Frontalunterricht, wie die Berechnung eines Nullwertes funktioniert. Dann jedoch wird der Schüler aus seiner Passivität geholt, denn das Video stoppt, und eine interaktive Folie wird eingeblendet, die Aufgabe darauf muss gelöst werden muss. Erst wenn der Schüler die Sequenz verstanden hat und die richtige Lösung einträgt, geht es weiter. „Dann sehe ich als Lehrkraft, mit welchem Erfolg die Schüler das Wissen internalisiert haben“, sagt Ligmann.

Coole Tutorials

Eltern mögen vielleicht denken: Was ist denn dann die Aufgabe des Lehrers, wenn er andere seine Arbeit machen lässt und Schüler sich im Internet das Wissen aneignen müssen? Falsch gedacht! Denn Frajo Ligmann produziert eigene Tutorials, und zwar viel cooler als es Sami Slimani je tun könnte. Dass er sich auch an anderen Videos bedient, ist einerseits fehlender Zeit geschuldet und außerdem: Warum das Rad neu erfinden, wenn der Pädagoge und Experte sieht, dass ein Video einfach nur gut gemacht ist?! Die didaktische und fachliche Bewertung solcher Videos ist nur eine von vielen Aufgaben, die Lehrkräfte in Zukunft wohl haben werden.

Daran, dass es nach dem sauren Lemmon-Projekt schwer war, auf die süßen Äpfel umzusteigen, erinnert sich der Mathematik- und Informatiklehrer noch gut. Doch nach mehr als vier Jahren Planung, einem Mediencurriculum und digitalem Schulbuch für jedes Fach, kann sich das Projekt sehen lassen und trägt erste Früchte: Zusammen mit dem Lehrstuhl Deutsch der RWTH Aachen konnten Studierende ihre Ideen von der Uni in die Klassenräume tragen.

Ob iPad oder Smartboard – die Geräte an sich sind keine Problemlöser. Es sind Medienkoordinatoren einer Schule, wie Frajo Ligmann und sein Team, die sich dezidiert Gedanken darüber machen, wie digitale Werkzeuge mit Nutzen eingesetzt werden können.

Vieles am Gymnasium Würselen ist getan. Doch nicht alles läuft immer glatt. „Viele Sachen müssen noch ausgebügelt und verbessert werden. Was machen wir zum Beispiel mit Differenzierungskursen?“ Die einen haben ihr Schulbuch nur digital vorliegen, die anderen können keine Aufgaben auf dem Tablet lösen. Hinter digitalem Unterricht, der aus mehr besteht als aus prunkvollen Smartboards, steckt harte Arbeit, die sich auf lange Sicht jedoch mehr als lohnt, so Ligmann. „Mein Appell ist: Weg von der Einstellung eines Ulli-Stein-Pinguins, der sein Schild mit ‚Ich bin dagegen‘ in die Luft streckt. Stattdessen mit mehr Mut und Phantasie an die Arbeit!“

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