Können wir im Internet bitte höflicher sein?!

Von: Bettina Begner
Letzte Aktualisierung:
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Zwei Freunde, ein Smartphone: Vielleicht schauen sich die beiden Fotos von einem gemeinsamen Erlebnis an, vielleicht beleidigen sie auch gerade jemanden in einem Sozialen Netzwerk. Internet-Mobbing ist sehr subtil.
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Kennt die Gefahren im Netz: Kriminalhauptkommissar Peter Arz.

Aachen. Wie wäre die Welt, wenn wir uns im alltäglichen Leben so ausdrücken würden, wie wir es im World Wide Web tun? Da würde ich meinen Gemüsehändler duzen und ihn vielleicht sogar aufs Übelste beschimpfen, weil die Paprika welk ist. Facebook, Twitter, Instagram und Co sind ein hartes Pflaster. In einem sozialen Netzwerk wird „geshitstormt“, was das Zeug hält, im nächsten weniger konstruktiv geäußert, wie hässlich die Kollegin doch heute angezogen war.

Ganz aktuell wird auch die Flüchtlingskrise diskutiert: „Jammerschade, dass nur 70 von den Schmarotzern verreckt sind“, schrieb einer unter das Bild des Lastwagens, in dem Flüchtlinge erstickt waren. Ein anderer plädiert für den Bau von Konzentrationslagern, „und dann ab ins Gas mit dem Dreckspack“. Doch wie konnte es mit den vermeintlich sozialen Medien soweit kommen und was können wir tun, um wieder mehr Sitte und Anstand ins Netz zu bringen? Peter Arz, Kriminalhauptkommissar und Jugendschutzbeauftragter am KK44 Kriminalprävention/Opferschutz in Aachen, beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit dem Thema Cybermobbing und erklärt: „Als Polizeibeamter bekomme ich immer die negativsten Kommentare mit und merke, dass die Anzeigebereitschaft in den letzten Jahren rapide zugenommen hat. Die schlechte Gesinnung im Netz steigt und Beleidigungen werden zunehmend derber. Es entsteht eine Art ‚Geh-sterben-Mentalität‘.“

Natürlich wünschen die Beleidiger einem nicht wirklich den Tod an den Hals, es ist eher die Distanz zum User am anderen Ende des LAN-Kabels, der unser Mundwerk lockert und unsere Aggression in falsche Bahnen lenkt. Schon Medientheoretiker wie David Rothenberg erkennen in Medien nicht nur Körpererweiterungen, sondern auch Maschinen, die es uns leichter machen, unmoralisch zu handeln. Ein Mord ist schneller erledigt, wenn ich nur noch den Abzug meiner Pistole aus einer gewissen Distanz zum Opfer bedienen muss, als auf ihn zuzugehen und ihn zu erstechen. Natürlich ist das ein drastisches Beispiel, doch nichts anderes passiert auf Facebook, wenn jemand Flüchtlinge verteufelt und ihnen ein Leben wie im Holocaust wünscht.

„Es geht immer um Machtausübung“, sagt Peter Arz. „Drehen wir das ganze mal 30 Jahre zurück. Da waren es immer die Großen und Kräftigen, die das freche, aggressive Mundwerk hatten. Heute im Netz kann der Kleine mit den dünnen Beinchen, der sich in der Schule nicht traut etwas zu sagen, seinen Dampf im Internet ablassen. Mobben kann jeder, der ein Smartphone besitzt. Und so wurde Mobbing schnell zum Massenphänomen.“

Täter und Mittäter

Ob der „kleine Dünnbeinige“ nun von sich aus andere bewusst beleidigt, das Gesicht seines Rivalen mit Photoshop entstellt, oder ob er dieses peinliche Foto, das vielleicht ein Freund gemacht hat, nur teilt, ist dem Gesetz egal. „Das Strafrecht kennt nicht nur einen Täter, sondern auch den Mittäter. Das ist vielen nicht bewusst. Zwar ist er nicht der Hauptinitiator, ist aber laut Strafgesetzbuch ‚genauso zu bestrafen wie der Täter‘“, erklärt der Jugendschutzbeauftragte.

Wie schnell es gehen kann, sich strafbar zu machen, erklärt Peter Arz am Beispiel eines peinlichen und für den Abgebildeten rufschädigenden Fotos: „Es sind nur vier kleine Tippbewegungen auf meinem Smartphone, um mich strafbar zu machen. Ich markiere das Bild, wähle diejenigen Freunde auf WhatsApp aus, denen ich das Bild schicken möchte, füge es in die neue Nachricht ein und verschicke es mit dem vierten Knopfdruck.“

Wie wehre ich mich gegen das Verlangen, bei allerlei Gemeinheiten mitzumachen, vor allem wenn die Clique das will? Peter Arz: „Einfach mal Nein sagen, gerade in Gruppen, ist ein wichtiger Aspekt. Nur durch mentale Stärke entziehe ich mich den bösen Strömungen im Netz.“ Er sagt auch: „Niemand wird bösartig geboren, man lernt das immer.“ Gerade hier soll es ein Appell für die älteren User sein, mit gutem Beispiel voranzugehen und schon den Kleinen zu zeigen, dass eine höfliche Umgangsform im Netz der Standard sein soll, damit nicht die nächsten Poeten von Hasskommentaren entstehen.

„Magdalena ist die Matratze von Eschweiler-Süd“, ist ein Satz, der nicht ins Netz muss, auch wenn er vielleicht einen gewissen Wahrheitswert haben könnte, wenn Magdalena in ihrer Heimatstadt schon viele sexuelle Erfahrungen gesammelt hat. Trotzdem, so Arz, gehöre eine solche Aussage nicht ins Netz: „Ich muss mich vor dem Post auf Facebook und Co. immer fragen, ob das, was ich veröffentlichen will, beleidigend oder gar nötigend ist.“

Drei Regeln sind dem Kriminalhauptkommissar besonders wichtig für das Verhalten im Netz: „Erstens: Beachte Urheberrechte. Alles was einem selbst nicht gehört, seien es Fotos, Musik oder Videos dürfen ohne Erlaubnis nicht ins Internet gestellt werden. Zweitens: Beleidige und verletze niemanden im Netz. Und drittens: Mache keine Nacktfotos von dir.“

Aus Trotz oder Rache

Kinder und Jugendliche machen oftmals Dummheiten, die sie Jahre später bereuen. Ein schnell geschossenes Nacktfoto auf Snapchat für den Schatz, mit dem man gerade einmal zwei Wochen zusammen ist, kann einen in einigen Jahren böse überraschen. Peter Arz: „Man sagt ja so oft, Papier sei geduldig. Das Internet ist noch viel geduldiger. Wer ein Nacktfoto einmal weitergegeben hat, kann sich nie sicher sein, ob es wirklich beim Schatz bleibt.“ Besagter Schatz muss ja nicht zwingend das ganze Leben der Partner bleiben und nach der Beziehung kann er aus Trotz oder Rache das damals nur für ihn bestimmte Foto einfach weiterleiten.

Besonders jüngere User erkennen Gefahren zu spät und geraten an die wirklich Bösen. Arz nennt ein Beispiel: „Kinder verstehen das häufig nicht, dass Daniel13 eigentlich ein Brokeheart55 ist und Kinderpornografie liebt. Deswegen ist anfängliche Kontrolle von Seiten der Eltern ganz wichtig. Auch wenn der Satz ‚Zeig doch mal dein Handy‘ bei Kindern zu Protesten führt.“ In App-Stores finden sich zahlreiche Kindersicherheitssoftwares, die Kinder beispielsweise vor nicht jugendfreien Seiten schützen können.

Doch irgendwann kann einem auch Mama nicht mehr verbieten, bei StudiVZ einer sinnfreien Gruppe beizutreten, die den Personalchef Jahre später im Bewerbungsgespräch amüsieren: „Einmal hat ein Personalchef einen Bewerber gefragt, was er für den Weltfrieden tun würde. Der Bewerber hat daraufhin mit den üblichen Argumenten wie Entwicklungshilfe geantwortet. Der Chef aber wollte den Bewerber auf eine andere Fährte locken. Der Bewerber war nämlich in der StudiVZ Gruppe ‚Poppen für den Weltfrieden‘.“, schmunzelt der Kriminalhauptkommissar.

Wenn wir uns bewusst machen, dass unsere digitalen Spuren nicht so einfach verschwinden, werden wir wohl automatisch vorsichtiger mit dem, was wir in die Welt hinaustragen. Und vielleicht gelingt es uns ja mit einem netteren Umgangston im Netz, zumindest den Frieden im World Wide Web zu schaffen.

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