Die Schule, der Familienersatz

Von: Lena Feuser und Paula Schönfelder, Schülerredaktion
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Willkommen in der Schule: Deutschlehrerin Eva Stelzer gehört zum Team, das die Internationale Förderklasse am Aachener Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung unterrichtet. Foto: N. Diefenthal (2)/P. Schönfelder (5)
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Unterrichten in Deutsch und in Lebenserfahrung: Melanie Klaus (l.) und Susanne Pieper vom Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung.

Aachen. Etwa 20 Augenpaare wenden sich uns zu, als wir den Klassenraum der Internationalen Förderklasse, kurz IFK, des Berufskollegs für Wirtschaft und Verwaltung betreten. Manche schauen misstrauisch, andere neugierig.

Die Schüler haben Deutschunterricht, sie beschäftigen sich gerade mit der Zeitung. Später steht noch Mathe auf dem Stundenplan. Soweit besteht kein Unterschied zu anderen Klassen des Berufskollegs oder anderen Schulen.

Der Unterschied ist, dass alle diese Jugendlichen unbedingt Deutsch lernen wollen. Der Deutschunterricht ist für sie das wichtigste Fach, es bestimmt den gesamten Schulalltag. Denn die Schüler sind aus verschiedenen Ländern der Erde zu uns nach Deutschland gekommen. Sie sind zum großen Teil minderjährige Flüchtlinge, ohne Eltern, auf sich alleine gestellt.

Wenn sie hier überhaupt so etwas wie Familienersatz haben, dann ist das die Schule. Dann sind das Lehrerinnen wie Eva Stelzer, die den Deutschunterricht leitet. Dann sind das Susanne Pieper und Melanie Klaus, die beiden Klassenlehrerinnen der IFK. Ihr momentanes Ziel: Berufs- und Lebenserfahrung vermitteln. Seit April diesen Jahres gibt es die Klasse. Ob das nicht schwer sei, so auf sich allein gestellt in einem fremden Land, wollen wir wissen. ,,Ja, das ist es“, sagt Idriss (17). ,,Keiner sagt, was richtig oder falsch ist. An einer Familie kann man sich orientieren. Aber hier muss ich selbst entscheiden, was ich will und was gut für mich ist“.

Die meisten Schüler wohnen alleine. Wer als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Nordrhein-Westfalen kommt, wird in der Stadt, die ihn registriert, der Obhut des Jugendamtes überstellt. Er (oder sie) bekommt vom Integrationszentrum einen Betreuer zur Seite, der sich um Unterkunft und einen schnellen Zugang zum Bildungssystem kümmert. „Die Jugendlichen geben bei ihrer Registrierung einen Berufswunsch an“, sagt Susanne Pieper. Danach werde entschieden, welches Berufskolleg in Frage kommt.

Freiwilliges Team

So kamen die 18 Schülerinnen und Schüler zum Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung. Susanne Pieper erinnert sich: „Die Gespräche fanden kurz vor den Osterferien statt. Viele der Jugendlichen waren frustriert, dass sie nicht sofort bei uns anfangen konnten.“ Das Team, das die IFK nun unterrichtet, hatte zwei Wochen Zeit, sich auf die Aufgabe vorzubereiten. Alle, die mitmachen, haben sich freiwillig gemeldet.

„Wir haben anfangs mit Händen und Füßen unterrichtet“, sagt Lehrerin Eva Stelzer. Im Team der Freiwilligen ist keiner, der Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Dafür helfen Französisch- und Englischkenntnisse weiter. Das Sprachniveau ist nicht bei allen gleich – es hängt davon ab, wie lange die Schüler schon in Deutschland leben. Im Unterricht helfen sie sich gegenseitig. Wer etwas kann, der bringt es den anderen bei. Wenn man ganz alleine ist, macht das viel aus. So bringt die Schule etwas Normalität in das Leben der Flüchtlinge. „Wir sind neu hier. Wir wissen noch nicht, wie das Leben in Deutschland funktioniert“, sagt Alpha (17) dazu.

Das Prinzip ist Hilfe zur Selbsthilfe. Dazu gehört auch, dass die Schüler im ersten Halbjahr keine Noten bekommen. Melanie Klaus sagt: „Unsere Schüler haben immer wieder akute Situationen von Stress. Das versuchen wir aufzufangen und unterstützen die Schüler, wo und wie wir können.“ Dazu gehört auch die WhatsApp-Gruppe, die die Klassenlehrerinnen eingerichtet haben, in der in dringenden Fällen immer auch zusätzliche Hilfe geleistet werden kann. Das kommt einer Familie sehr nah. Ebenso das Praktikum, das Frau Klaus ihrem Schüler Bouba durch persönliche Kontakte vermittelt hat oder die Waschmaschine, die Eva Stelzer Ibrahima überlassen hat. Sie sagt: „Mit materiellen Dingen kommen wir gut klar. Es gibt in der Schule immer jemanden, der Sachen zu viel hat, die unsere Flüchtlinge brauchen können.“

Am Anfang unseres Besuchs sind die Schüler noch zurückhaltend. Aber während sie, wie Bouba, von ihren Berufswünschen erzählen, können sich viele öffnen. Auch ihre Ängste und Sorgen kommen zur Sprache, wobei sich viele Meinungen ähneln. Rassismus ist ein Thema, das ihnen sehr am Herzen liegt. Den meisten begegnet er jeden Tag. Ibrahima meint dazu: ,,Ich spüre die Blicke, wenn ich im Bus komisch angeguckt werde.“

Jibrill (18) sieht das ähnlich. „Manche Menschen verstehen das nicht. Es sind eben nicht alle gleich.“ Beim Arzt, vor der Disco oder einfach nur auf der Straße: Überall treffen sie auch Menschen, die meinen, ihnen zeigen zu müssen, dass sie anders aussehen oder auffallen. Häufig erfahren sie Benachteiligung, sogar direkte Diskriminierung ist keine Seltenheit.

Kontakt zu Freunden

Dann fehlt ihnen ihre Familie besonders. „In den Herkunftsländern der Jugendlichen hat die Familie als Ort des Zusammenhalts einen vielen höheren Stellenwert als teilweise bei uns“, sagt Eva Stelzer. Das ersetzt auch nicht die best gemeinte WhatsApp-Gruppe.

Viele der jungen Flüchtlinge halten über soziale Netzwerke Kontakt zu Freunden. Auch zu den jungen Deutschen, die ihnen beim Lernen helfen. Beliebte Sprachvermittler sind Grammatik-Videos auf Youtube. Da gibt es Erklärungen mit Untertiteln. „Die Schüler wollen lernen“, sagt Susanne Pieper. Ein Jahr Zeit haben die IFK-Schüler offiziell, ehe das Kapitel Schule zu Ende geht. Worauf läuft das alles hinaus, fragen wir. „Wenn wir uns mit den wechselnden rechtlichen Vorgaben täglich beschäftigen würden, dann würden wir verzweifeln“, sagt Susanne Pieper. „Im Vordergrund steht, dass die Schüler schnell Deutsch lernen, dann eine Praktikumsstelle finden, eine Ausbildung machen oder weiter zur Schule gehen.“

Auch die Schüler haben eine Vorstellung von dem, was nach der Schule kommen kann. Hier sitzen angehende Spediteure, Mechatroniker, Krankenpfleger, Kindergärtner, eine Juristin. Die Jugendlichen erhoffen sich eine bessere Zukunft – eine Arbeit haben, Geld verdienen, eine Familie gründen. Wenn sie davon sprechen, leuchten ihre Augen.

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