Aachen - Die Scheinwelt durchschauen

Die Scheinwelt durchschauen

Von: Bettina Begner, Schülerredaktion
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Sticker drauf, Glotze an? So einfach ist es mit der Altersfreigabe von Filmen, Serien und Computerspielen nicht. Die FSK ist nur eine Empfehlung. Gefordert sind Eltern – und Jugendliche selbst. Foto: imago/Schöning

Aachen. „Die folgende Sendung ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet.“ In solchen Momenten raste bei mir der Puls, denn im Fernsehen lief etwas für mich Verbotenes. Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass in den nächsten anderthalb Stunden nicht Mama oder Papa reinkamen. Die Fernbedienung war stets auf das schnelle Wegzappen vorbereitet. Der Reiz, mit 14 einen Horrorfilm wie Halloween zu sehen ist groß!

Die Altersbeschränkungen für Filme werden von der FSK, das ist die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, deutlich auf Blu-Rays und DVDs vermerkt. Auf der Basis des Jugendschutzgesetzes (JuSchG) und der FSK-Grundsätze wird in unabhängigen Prüfverfahren über die Freigabe für fünf Altersklassen entschieden. „Mit der Altersfreigabe ist keine pädagogische Empfehlung verbunden“, sagt Lara Langfort-Riepe, neue Leiterin des Euregionalen Medienzentrums der Stadt und Städteregion Aachen unter Beteiligung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens: „Je nach individuellem Entwicklungsstand muss geschaut werden, ob der Film für mein Kind geeignet ist. Es müsse als Richtlinie für Eltern und Lehrer gelten: „Je jünger das Kind, desto sensibler müssen Medien adäquat gewählt werden.“

Frau Langfort-Riepe, selbst Mutter einer kleinen Tochter, spricht auch aus eigener Erfahrung: „Selbst wenn ich mit meiner Tochter in einen Kinofilm ab Null gehe, können dort Szenen enthalten sein, die sie noch nicht verarbeiten kann.“ Vorab recherchieren, sein eigenes Kind einschätzen, seien Aufgabe der Eltern. Und vor allem: „Kinder allein zu lassen ist in Sachen Medienkonsum das Falsche.“

Auch im Kindergarten und in der Schule sind Kinder mit allen möglichen Medien konfrontiert. Da zeigt die Reli-Lehrerin „Ghandi“ und der Geschichtslehrer „Die letzten Tage der Sophie Scholl“. Im Chemieunterricht werden Strukturformeln auf das Whiteboard projiziert und in Englisch Grammatikaufgaben mittels Lernsoftware auf dem Laptop gelöst. Es ist allzu wichtig, Kinder so früh wie möglich für Medien aller Art zu sensibilisieren.

Das Medienzentrum versteht sich als Mittler an zwei Schnittstellen: der Medienpädagogik und der Medienausstattung von schulischen und außerschulischen Einrichtungen. Die Medienpädagogin Lara Langfort-Riepe wird bei dieser Aufgabe von Lehrern des Kompetenzteams NRW unterstützt, die regelmäßige Beratung in Medienfragen anbieten.

Wichtig ist für das Medienzentrum vor allem die Multiplikatorenschulung. Es hört also nicht im Gebäude des Medienzentrums am Blücherplatz in Aachen auf, sondern geht in die Region: „Die ErzieherInnen und Kinder nehmen den Input mit und leben das in ihren Einrichtungen weiter. So wird aktiv-kreativ und kritisch-konstruktiv gearbeitet.“ Etwa 2000 Kinder und Jugendliche seien im vorigen Jahr in Sachen Medienkompetenz geschult worden, sagt Frau Langfort-Riepe.

Doch um über Medien zu sprechen, müssen auch welche vorhanden sein. Eine haptische Ausleihe von rund 7000 Medien steht den Schulen kostenlos zur Verfügung, und 6400 Online-Medien, die in Medienpaketen gebündelt sind, können gestreamt und gedown-loaded werden. „Die Zugriffe auf diese Online-Plattform steigt stetig“, sagt die Leiterin des Medienzentrums. „Je besser die Infrastrukturen, desto effektiver können Schulen mit diesen Angeboten arbeiten.“ Ein gutes Beispiel sei das Einhard-Gymnasium in Aachen mit seinen Tablet-Klassen. „Schüler können Videoclips direkt am digitalen Endgerät sehen, einfacher kann es nicht sein.“

Doch es gibt auch ein Leben nach der Schule. Und da rufen KIKA und Super RTL die Kinder vor die Glotze. Hier sind die Eltern gefragt, die entscheiden müssen, wie viel und vor allem was dem Kind guttut. Da die FSK nur einen Richtwert angibt, empfiehlt die Leiterin des Medienzentrums: „Ein wichtiger Wegweiser beim Fernsehen ist die Internetseite Flimmo. Sie zeigt, welche Kindersendungen im Fernsehen für Kinder geeignet sind. Auch die Seite Kinderfilmwelt.de hilft Eltern bei der Medienauswahl“, sagt Frau Langfort-Riepe.

Distanzierte Haltung

Medien machen, um Medien zu verstehen, lautet die Devise des Medienzentrums. „Kinder und Jugendliche müssen sehen: Das ist eine Scheinwelt! Um diese zu durchschauen, müssen Produktionsprozesse kritisch hinterfragt werden. Über die kreative Arbeit in unseren Seminaren wird eine distanzierte Haltung eingenommen“, sagt die Medienpädagogin. Schülerinnen und Schüler können sich zum Beispiel am Lightpainting versuchen oder einen eigenen Film erstellen. Und so wird schon Vorschulkindern erklärt, wie sich „Shaun das Schaf“ bewegt. Doch ist es nicht traurig, wenn Kindern dieser Zauber genommen wird und sie erkennen, dass Shaun nur ein Haufen Knete ist? Frau Langfort-Riepe findet das nicht. „Kleine Kinder sind offen für alles. Sie stellen sich nicht die Frage, ob ihnen ihre Fantasiewelt genommen wird. Eher sehen sie, dass Daumenkino auch faszinierend sein kann, ohne dass sie Freude an Trickfilmen verlieren.“

Wenn Kinder bis zum Jugendalter in Medienkompetenz geschult sind, und wissen, dass sie beim Einlegen der nächsten Halloween-DVD in eine fiktionale Welt eintreten, dann ist es auch nicht mehr schlimm, wenn ein 16-Jähriger versehentlich mal an die Uncut-Version kommt. Wer die nötige Distanz zum Medium hat, der darf sich ohne Bedenken der Scheinwelt hingeben.

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